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 Umarth / Ena, Warmonger

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Warmonger

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Umarth / Ena, Warmonger Empty
BeitragThema: Umarth / Ena, Warmonger   Umarth / Ena, Warmonger EmptySo 27 Nov 2011, 13:26

Es war ein kalter Tag, später Winter, früher Frühling, man mochte es nennen wie man wollte, vorrangig war es kalt. Jared hätte diese Kälte weniger ausgemacht, wenn er einen Mantel gehabt hätte, um sich zu wärmen, oder zumindest ein warmes Haus, das auf ihn gewartet hätte. Aber das große, schäbige Haus, in dessen kleinster Kammer er mit seiner Mutter lebte, war kalt und zugig, ein neues Backsteinhaus in der Stadt, für Arbeiter mit wenig Geld erbaut worden und mit keiner der alten Weisheiten, nach denen noch die Fachwerkhäuser der Bauern auf dem Land gebaut wurden, und mit keiner der Technikeb, mit denen sich die Reichen das Leben schön machten, versehen. Früher hatte er den Winter gemocht, draußen, außerhalb der schmutzigen Stadt, in der inzwischen sogar der Schnee grauschwarz wurde; Es schien, dass die neuen Maschinen, die angeblich den Krieg gewinnen sollten, ihren Rauch überall hinspien und damit alles Reine und Schöne befleckten. Es war ein Feiertag, zu Ehren des zweiunddreißigsten Antrittstages des alten Königs, der sich seit zweiunddreißig Jahren nicht recht um diesen Randbezirk seines Reiches gekümmert hatte. Jared hatte nichts gegen seine Arbeit, immerhin war es in der Halle warm, in der er Maschinen montierte und konstruieren lernte, und das war eine bessere Arbeit als viele in seinem Alter hatten; Aber an diesem Tag war er doch froh darüber, nicht mit anderen zusammen sein zu müssen. Alleine wanderte er außerhalb der Stadttore durch die Pfade im Schnee, die die in die Stadt kommenden Bauern gangbar machten. Hier war der Schnee schneeweiß und unberührt, wie er es in dem Winter gewesen war, als er seinen Vater verloren hatte. Ehe seine Mutter und er in die schäbige Abteilung des Mietshauses hatten ziehen müssen, wo sie viel zu oft saß und weinte. Jared hasste diesen Anblick, der ihn hilflos dazu zwang, in einem Zimmer mit ihr zu sein, ohne sie trösten oder ihr helfen zu können, und manchmal verließ er sie dann, obwohl er wusste, dass es falsch war, sie allein zu lassen. Meistens aber war sie ohnehin arbeiten, das wenige Geld verdienen, das sie zum Leben hatten, während der Sohn bereits das Geld zu verdienen hatte, das die Wohnung kostete. Damals war sie eine stolze Frau gewesen, Frau eines guten, angesehenen Bauerns und auch Händlers. Jetzt war sie eine Dienerin in einer zweitklassigen Großhändlersfamilie, und zwar die Sorte Dienerin, die man putzen und in der Not auch kochen ließ, aber der man die Kinder nicht anvertraute und nicht einkaufen schickte. Eine Fremde, ohne ihre alten Freundinnen auf dem Land und mit keinen neuen in der Stadt, bloß Leidensgenossen und Herren. Zornig zermalmte Jared eine gänzlich schuldlose Blume unter dem Absatz, die sich bereits mutig vorgewagt hatte und aus einem Schneehügelchen ragte. Sofort bereute er es, und es erinnerte ihn außerdem an den Grund seines Zornes: Sein Vater war vermutlich ebenso hilflos gestorben wie diese Blume. Er beugte sich nieder und sah danach, und es wurde ihm ein wenig wärmer ums Herz, als er sah, dass der Schnee die Halme und Blüten des Schneeglöckchens beinahe völlig beschützt hatte. Mit klammen Fingern richtete er es wieder ein wenig auf, und eine Träne zersprang zwischen den Wurzeln des Blümchens. Mit gesenktem Kopf ging er weiter, fort von der Stadt, im Andenken an seinen Vater. Er würde den Tag nicht vergessen können, an dem er in einem guten Wirtshaus in der Stadt gesessen hatte, mit seiner Mutter zusammen, der sie hatten sich dort aufgewärmt nach den Einkäufen, die sie damals noch gebraucht hatten. Ein Heimkehrer aus dem Krieg, mit einem Arm und einem zerbissenen, halb verschorftem, halb schon vernarbten Gesicht hatte erzählt, wie seine Kompanie beim Einmarsch in das Heerlager der städtischen Truppen von einem riesigen, schwarzen Drachen zersprengt wurde. Von den fünfzehn Männern hatten laut seiner Erzählung drei überlebt. Er schilderte den Tod der zwölf und nannte ihre Namen, und Jared und seiner Mutter Lewa war es eng ums Herz geworden, als einige Namen die von Freunden waren. Und der neunte war Theuden gewesen, Lewas Mann, Jareds Vater, der zu dieser Zeit gerade zwölf gewesen war. Sie war bleich geworden und war mit Jared nach Hause gegangen, während stumme Tränen über ihre Wangen liefen. Und ihr Sohn hatte beschlossen, Drachen zu töten, große, schwarze, grausame Drachen. Er wusste nicht, dass nicht alle Drachen schwarz und grausam waren. In seinem Kopf hatte sich die Vorstellung eines vierzig Fuß hohen Leviathans mit rasiermesserscharfen Klauen und armlangen Eckzähnen manifestiert, die Feuer speiend nur Zerstörung und Tod brachte. Jared konnte sich einfach nicht vorstellen, dass etwas anderes seinen Vater hätte töten können. Den mächtigsten Mann, den er kannte. Seinen Helden. Wenn er daran dachte, wollte er ein Schwert haben, oder zumindest einen Dolch, aber seine Mutter erlaubte ihm nicht, sich auch nur eines zu schnitzen. Vielleicht hatte sie Angst, dass ihr Sohn so wie sein Vater nicht zurückkehren würde. Er erfüllte ihr den Wunsch und hielt sich von spitzen Eisengegenständen fern. Jedenfalls solange sie hinsah.
Seine Füße hatten Jared von der Straße abgeführt und in die Wildnis außerhalb der Stadt getragen, wie von selbst war er an seinen Lieblingsort gelangt. Es war nur eine kleine Lichtung im Wald, doch er hatte sich eine Bank aus alten Zweigen gebaut und all seine gefundenen Schätze darauf aufgeschichtet, wie Opfergaben für einen Waldgott. Grotesk geformte Holzstücke, leuchtende Steine und ein alter Milchzahn lagen jedes Mal auf wundersame Weise unberührt dort, wenn er zurückkam. Er hatte nicht viel Zeit außerhalb seiner Arbeit, doch immer, wenn seine Mutter im Zimmer saß und weinte ging er hierher. Manchmal schaute er sich nur die Stücke in seiner Sammlung an, an anderen Tagen nahm er einen langen Stock und prügelte so lange auf die Baumstämme ein, bis seine Gelenke schmerzten. Jared hielt sich für einen ganz passablen Kämpfer. Aber er hatte auch noch nicht gegen andere gekämpft.
Früher kamen öfter Leute mit großen Waffen in die Stadt und suchten nach Knappen für ihre abenteuerlichen Reisen. Er hatte sich immer fast den Hals verrenkt, um ihre Schaukämpfe sehen zu können.
Er schob einige Zweige des Dornenbusches beiseite und wich dem herabstürzendem Schnee automatisch aus. Jedes Mal, wenn man den falschen Zweig berührte, fiel eine Ladung davon von den Bäumen. Mittlerweile kannte er jeden Ast auswendig. Um diese Zeit lag die Lichtung in Dunkelheit da, nur vereinzelte Lichttupfer erhellten den Schnee und ließen ihn glitzern wie Diamanten. Überall auf dem Boden waren Fußspuren, die meisten von ihm, aber manche auch von Rehen oder Hasen. Hin und wieder legte er ihnen Beeren auf den Boden, bevor er ging.
Heute war irgendetwas anders. Zunächst hatte er nur ein seltsames Gefühl, doch als er näher kam, fiel der Unterschied sofort auf. Neben seinen alten Spuren waren frische, größere, tiefere. Jemand musste kurz vor ihm hiergewesen sein... oder ihn immernoch beobachten.
Ein kalter Schauer lief seinen Rücken hinab. Wie von der Tarantel gestochen wirbelte er herum, doch alles, was aus dem Busch kam, war ein kleiner brauner Hase.
Erleichtert atmete er aus und wischte den Schnee von seiner Bank, um sich von dem Schock zu erholen. Gerade, als er sich die roten, eisigen Hände rieb, hörte er hinter sich eine männliche Stimme:
„Guten Tag, Jared.“
Er fuhr abermals herum, entsetzt von der Anwesenheit eines anderen Menschen in seinem Refugium. Dort stand ein junger Mann in fester Lederkleidung und einem blauen Überwurf, vielleicht neunzehn Jahre alt, mit braunen, schulterlangen Haaren. Er blickte ernst auf den Jungen, der ihn entgeistert und verängstigt anstarrte. Seine Lederstiefel passten perfekt zu den Spuren, die ihn zuerst so beunruhigt hatten. Was auch immer ein fremder Mann hier wollte, alleine und in der Dunkelheit, Jared glaubte nicht, dass er dabei sein wollte. Eine Schwertscheide hing leer an der Hüfte des Mannes, und wenn ihn auch die Abwesenheit der Waffe beruhigte, las er daraus dennoch die Übung und Bereitschaft des Älteren zum Kampf. Stumm stand er vor ihm und zitterte leicht von der Kälte. Der andere lehnte sich an einen Baum und verschränkte die Arme, wie um durch Tatenlosigkeit zu beruhigen.
"Ein anderer Junge sagte mir, dass ich dich hier treffen könnte, einer aus dem Dorf, in dem ich die letzten Tage verbracht habe. Ich bin Vion, und hier, weil ich gehört habe, wo du arbeitest. Ich brauche deine Hilfe bei etwas. Einem Gerät."
Nach diesen Worten schwieg er wieder, erwartungsvoll gegenüber Jareds Erwiderung, die nun kommen müsste. Aber Jared stand eine Zeit nur da und dachte nach. Welcher Junge wusste von diesem Ort? Einer seiner alten Freunde bestimmt, die als letztes von ihm gehört hatten, wo er jetzt wohnte und arbeiten musste. Dass einer von denen es geschafft haben sollte, sein Geheimnis hier im Wäldchen zu entdecken. Erst nach einigen Überlegungen dazu machte er sich daran, den Rest des Gehörten zu verarbeiten. Seine Hilfe bei einem Gerät? Warum ging der Mann dann nicht einfach in die Stadt und holte sich Hilfe bei einem seiner Meister? Seine Mutter würde ihn auffordern, das Beste aus der Situation zu machen und keine Fragen zu stellen, denn auch das lernte man beim Dienen. So nahm er seinen Mut zusammen und bemühte sich um eine Stimme, die nicht zitterte und fest klang. Er wusste nicht, ob er ein eventuelles Beben auf die Kälte oder auf seine eigene Verfassung zurückführen sollte, aber er wollte verdammt sein, in der Gegenwart eines Fremden zu weinen.
"Was wollt ihr denn repariert haben? Ich bin kein Meister bei den Ingenieuren, und vielleicht wäre euch mit dem Dorfschmied besser gedient, wenn es irgendetwas Großes ist. Und wenn nicht, dann bleiben ja noch die anderen Ingenieure, bei denen ich in der Lehre bin, warum habt ihr euch denn um mich bemüht?"
Unbehaglich wechselte Vion das Bein, auf dem er sein Gewicht ruhen ließ. Jetzt schon unangenehme Fragen, sagte sein Gesicht, aber er bemühte sich, weiterhin vertrauenserweckend zu wirken und zuversichtlich zu sprechen.
"Es wäre mir lieber, nicht in die Stadt zu gehen ... und für den Grobschmied im Dorf ist die Arbeit zu fein. Nein, wirklich, du solltest danach sehen."
Er zog einen kleinen, abgetragenen Lederbeutel, in dem es verheißungsvoll klimperte. Es klang nach gutem Brot, und nach einer neuen Decke, und vielleicht sogar nach einem Mantel. Aber noch zögerte Jared.
Etwas war falsch mit dem Fremden; Warum war er so nervös, wollte unbedingt, dass ein Lehrling ihm half, wollte nicht in die Stadt? Sicher, die Stadt war nicht sehr schön, aber er sah eigentlich erfahren genug aus, um in vielen Städten gewesen zu sein. Vielleicht war es ein Verbrecher, aber diesen Gedanken wischte Jared sich sofort wieder aus dem Geist, denn er war noch jung genug, um auf ein freundliches Gesicht hereinzufallen. Das Geld lockte, das so bitter nötige Geld, und außerdem spürte er, dass der Andere wirklich Hilfe brauchte.
"Ich weiß nicht, was ich ohne Werkzeug machen kann, aber wenn es sein muss, kann ich euer Problem einmal anschauen. Aber seid nicht böse, wenn es nicht geht, ja?"
Ein erleichtertes Gesicht antwortete ihm, und auch Vions Körper entspannte sich sichtlich. Er holte aus einem Beutel eine bronzeglänzende Vorrichtung und drückte sie Jared in die klammen Finger, die das Gewicht kaum halten konnten. Eine Bronzeplatte bildete den Mittelpunkt, die wie eine einfache Karte aussah, mit sehr grob eingravierten Lanschaftszügen und winzigen, augenscheinlich verschlüsselten Namen. Jared konnte lesen, zumindest ein wenig, denn seine Meister hatten nicht gerne ungebildete Lehrlinge, aber die Zeichen auf der Platte kamen ihm völlig bedeutungslos vor. Um die Karte herum waren zwei Ringe aus Metall angebracht, die frei drehbar waren, und an ihnen waren Abbilder von Sonne und einigen winzigen Sternbildern befestigt. Auf den Ringen selbst standen die Monatsnamen. Ein Teil der Mechanik, die die Ringe an ihrem Ort hielt, war beschädigt, wie von einem Geschoss zertrümmert, und beide lösten sich ständig aus ihrer Halterung, und auch die Monate blieben nicht richtig eingestellt. Jared wurde klar, dass der junge Mann wahrscheinlich nicht nur nicht in die Stadt wollte, sondern auch nicht wollte, dass jemand das hier sah. Aber das Geld.
"Ich kann das hier nicht so reparieren, aber zu Hause oder bei der Arbeit habe ich eine Chance ... Sind ja nur die Gelenke, oder? "
Ein Schnaufen erklang weiter entfernt, ungewöhnlich laut musste es sein, und irritiert sah sich der nervöse Junge um. Vion antwortete jedoch hastig, wie um seine Aufmerksamkeit abzulenken.
"Ja, ich glaube schon, auf jeden Fall bin ich sicher, dass du das wieder hinbekommst. Nimm das hier als Dank dafür."
Mit fahrigen Fingern holte er drei Silbermünzen aus seinem Beutel und warf sie Jared zu, der kaum eine fangen konnte und sich nach den anderen beiden bücken musste. Als er sich wieder aufrichtete, sah er gerade noch den blauen Überwurf zwischen einigen dichten Büschen verschwinden.
Den Gedanken, dem rätselhaften Jungen zu folgen verwarf er sofort. Vion war, wenn er sich nicht irrte, direkt auf dieses Schnauben zugelaufen und Jared wusste, dass man lauten, unheimlichen Geräuschen lieber aus dem Weg ging. So betrachtete er eine Weile die fremdartige Gerätschaft in seinen Händen und fragte sich, was sie wohl bewirken mochte. Sie sah aus wie eine Karte, die man nach Belieben ändern konnte, doch das war Irrsinn. Wieso sollte man eine Karte verändern? Landschaften wechselten nicht so schnell ihre Erscheinung, ausgenommen, wenn die Leute mit ihren Maschinen kamen und ihr ihren eisernen Willen aufzwangen.
Werkzeug würde er brauchen, selbst wenn nur etwas klemmte benötigte er zumindest etwas Öl. Etwas sagte ihm, dass er Vions Geheimnistuerei nicht zerstören durfte und sich im Geheimen um das Problem kümmern musste. Vielleicht würde sein Chef wissen, was das für ein Ding war und es ihm wegnehmen, um es zu verhökern? Was würde der große Junge dann mit ihm anstellen?
Schaudernd dachte Jared an die leere Schwertscheide.
Er musste sich das Öl aus der Werkstatt beschaffen. Hoffentlich war es der Junge wert, seine Arbeit aufs Spiel zu setzen. Geistesabwesend fuhr er sich in die Hosentasche und spürte die drei Silbermünzen. Mehr, als er jemals auf einmal besessen hatte. Und ein ganzer Beutel wartete auf ihn, von dem seine Familie einen Monat lang leben konnte. Er würde seiner Mutter ein neues Kleid kaufen, damit sie sich schöner fühlte und nicht mehr weinte.
Und er ... vielleicht erlaubte sie ihm dann, ein Messer zu tragen ... allein das war es wert.
Entschlossen wischte Jared etwas mehr Schnee beiseite, legte die Bronzescheibe in die Mitte und begrub sie fein säuberlich. Hier würde sie niemand finden, solang bis es taute. Er legte noch einen besonders hübschen Stein auf die Stelle, damit er sie wiederfand, und beeilte sich wieder nach Hause zu kommen.
Auf dem Weg musste er immer wieder an den Jungen denken. Um so erfahren zu wirken, musste man ihm bereits in Jareds Alter ein Schwert in die Hand gedrückt haben. Oder er war adelig. Das viele Geld und der saubere Überwurf sprachen dafür. Auch seine Haare waren sauber gebürstet und gewaschen, wahrscheinlich musste er nicht in aller Frühe aufstehen und sich den ganzen Tag an Maschinen schmutzig machen.
Er malte sich aus, wie es war, als reicher Prinz ungestört umherreisen zu können und Abenteuer zu bestreiten, nur mit seinem Schwert und einem treuen Pferd ausgestattet. Ja, das wäre ein Leben, das Jared gefiel, auch wenn es nur eine geringe Ahnung davon war, was das Schicksal für ihn bereithielt.
Er öffnete die marode Holztür zu ihrer Wohnung, seine Mutter stand mit dem Rücken zu ihm am Herd und briet einen mickrigen Fisch. Abfall von der Familie, in der sie diente?
„Ich habe heute einen Bonus bekommen, Mama.“ Jared entschloss sich, auch ihr nichts von diesem seltsamen Jungen zu erzählen.
Sie drehte sich um und lächelte warm, wenn auch gebrochen. Früher war sie schön gewesen, doch die viele Arbeit hatte ihre Haare mit grauen Strähnen versehen. Das wenige Essen machte sie zittrig, obwohl sie keine knöcherne Frau war.
„Ein Bonus?“, fragte sie hoffnungsvoll. Mehr Essen, hörte er. Eine Decke.
Er holte die drei Münzen aus seiner Tasche und legte sie nebeneinander auf den wackelnden Holztisch. Ihre Augen wurden rund. Sie sah ihn ungläubig an.
„Drei Silbermünzen!“, sagte sie nur. Fragte nicht woher und warum, also musste er nicht lügen. Damals mit seinem Vater wäre sie wegen drei Silbermünzen ausgerastet. Sie hätte Jared geschimpft, dass er sich so übers Ohr hauen ließ und ihm dann doch einen Krug Milch hingestellt, weil er durstig und erschöpft war, wenn er dem benachbartem Bauer beim Ausbessern des Zauns geholfen hatte.
Jetzt musste sie sich hinsetzen. „Du...wirst du jetzt öfter einen Bonus bekommen?“ Es hörte sich an, als wolle sie ihm zum Stehlen animieren. Doch sie streckte trotzdem die Hand aus und nahm zwei der Münzen.
„Wenn ich einen besonderen Auftrag erledige, bekomme ich noch einen.“ Fast hätte er „einen Beutel voll“ gesagt. Verstohlen nahm er sich die übrige Münze und sie lächelte wieder, fast erleichtert, als sie aufstand. „Ich werde gleich ein wenig Pökelfleisch kaufen. Und ein Stück süßes Gebäck, für meinen fleißigen Arbeiter.“
Sie verschwand hinter der Tür und ließ ihn allein. Draußen hörte er sie summen. Er jedoch biss sich auf die Unterlippe. Sein Vater war stets der fleißige Arbeiter gewesen. So nannte sie ihn, wenn er besonders viel Gemüse verkaufte, oder einen hübschen Stuhl für ihren Garten baute, wo sie mit den anderen Bäuerinnen aß und trank und schnatterte.
Seine Mutter war für eine Weile fröhlich, dafür hatte er jetzt mit den Gewissensbissen zu kämpfen: Der Junge musste einer von denen gewesen sein, einer von den Gegnern des Königreichs. Fleißiger Arbeiter, emsig mit Verrat und Verderben beschäftigt, den Tod über sich und seine Mutter bringend. So saß er mit leerem Blick am schiefen Tisch, fingerte an einem Span der groben Bohlen herum und wartete unruhig, bis seine Mutter wieder da war, um daraufhin mit falscher Fröhlichkeit das Honigküchlein, das sie mitgebracht hatte, zu essen. Es schmeckte hervorragend, eine bittere Erinnerung an die alte Zeit, als sie mit solchen Köstlichkeiten nicht hatten geizen müssen, als sie sie noch selbst gemacht hatten. Aber der Wohlgeschmack wurde gedämpft von den Gedanken, die in seinem Kopf umgingen, die sich mit der Art befassten, wie er zu dem Genuss gekommen war. Schließlich stand er auf, wischte sich mit der schmutzigen Hand über den Mund und umarmte seine Mutter, die immer noch fröhlicher schien als gewöhnlich. "Ich gehe noch einmal nach draußen, schaue mal, wo meine Freunde von der Arbeit sich so herumtreiben, ja?"
In den Schenken und Bordellen waren sie, und sie waren bestimmt keine Freunde. Sie waren Kollegen, mit denen man vielleicht einmal lachen, vielleicht einmal über den Jahrmarkt streifen konnte. Mehr nicht. Er hatte wenig mit ihnen zu tun, denn sie kamen beinahe geschlossen aus der Stadt und sahen ihn als einen Außenseiter, einen Eindringling an. Aber seine Mutter wusste ja nichts davon. So stimmte sie mit einem Nicken lächelnd zu, während sie das Pökelfleisch verstaute, in dem klapprigen Vorratsschrank, den sie hatten, und mit einem Aufatmen verschwand Jared aus der Wohnung, stürmte die steile Treppe mit den tristen, grauen Wänden herab, deren schlecht gemauerte Stufen schon beinahe auseinanderbrachen, und verlangsamte seinen Schritt erst, als er vor der splitternden Tür des Hauses auf der Straße stand. Immer noch waren die Mauern grau, grau vom Fabrikrauch, der den ohnehin schon grauweißen Putz hässlich nachgedunkelt hatte. Aber der Himmel war noch blau, wenn man nicht gerade direkt bei den Schloten stand, und obwohl direkt hinter dem Mietshaus eine Kanonengießerei stand wehte heute einmal der Wind so, dass in der schmalen Gasse ein Streifen des vertrauten blauen Himmels zu sehen war.
Ein bitterer, spöttischer Kontrast, oben die Freiheit und Schönheit einer vergangenen Zeit, um ihn herum die einschließenden Mauern der hässlichen Gegenwart. Mutlos senkte er den Blick wieder nieder zum Kopfsteinpflaster, in dessen Fugen sich das Schmelzwasser sammelte, schwarz vom Ruß. Hier vergaß er seine Träume, hier vergaß er beinahe seine Begegnung mit Vion, bis sich seine Finger wieder um die Silbermünze schlossen, die er von ihm bekommen hatte, und er dachte wieder daran, was noch zu tun blieb.
Eigentlich hatte er sich auf den Weg zur Stadtmauer gemacht, wo er den Soldaten zusehen wollte, den Wächtern in ihren bunten Umhängen und glänzenden Panzerstücken, die seine Sehnsucht nach der Drachenjagd verkörperten. Aber seine Füße trugen ihn nicht dorthin, sondern auf dem ihn zum Überdruss gut bekannten Weg durch enge Gassen, in denen Frauen Leinen mit Wäsche aufhingen, die allein schon wegen des Rauches nie richtig sauber werden würde, wo auch das Pflaster endete und nur noch dreckiger Schnee und Matsch zwischen den verrottenden Mauern standen, wo alles nach faulendem Gemüse und den Nachttöpfen einer ganzen Stadt roch. Selbst einige Ratten begleiteten ihn einen Teil der Strecke zur Werkhalle, in der er arbeitete. Die hatte nur ein Drittel der Höhe der umliegenden Mietskasernen, klemmte aber mit der dreifachen Breite der schmalbrüstigen Häuser zwischen den schiefen Fassaden, ohne mehr als eine Gasse an den Seiten zu lassen, in die der schmale Jared gerade hineinpasste. Die Fenster der Halle waren kaum ihre Bezeichnung wert, nichts als Löcher ohne Glas, denn das konnten sich nur die ganz reichen leisten. Zweimal sah er sich um, ob gerade jemand am Fenster nach ihm sah, dann huschte er seitwärts in den Spalt zwischen den Häusern, schrammte mit den Knien und Ellbogen an der verrußten Mauer entlang, bis er zum ersten Fenster kam. So nutzlos sie auch sein mochten, diesmal brauchte Jared sie. Vorischtig stieg er durch die Öffnung, indem er sich zwischen die beiden Mauern klemmte und daran hochstieg, bis er auf Höhe der schwarzen Höhlungen war, fast zwei Fuß über seinem Kopf. Mit einem beherzten Sprung war er durch die Öffnung und landete sicher auf dem Boden der Werkhalle. Tiefe Schatten umgaben ihn, jedes der Werkzeuge die sich normalerweise hektisch bewegten stand still, jeder der Tische, zwischen denen bei der Arbeit die Leute hindurchhuschten, warf ruhig seinen Schatten, der sich kaum von dem Schatten der Decke abzeichnete. Kaum ein Sonnenstrahl fiel in diese Halle. Jared kam sich furchtbar allein vor, als er durch den plötzlich so fremd wirkenden Ort tappte, auf der Suche nach seinem normalen Arbeitsplatz. Endlich fand er ihn, einen kleinen Tisch voller Feilen und Zangen und sonderbarer Metallteile, die er zurechtformen und zusammenfügen musste. Hastig griff er zwei der Feilen und eine kleine Zange, ein Fläschchen mit Öl, ein wenig Eisenblech, alles, von dem er meinte, er würde es für die Reparatur brauchen. Ebenso hastig eilte er wieder zurück zum Fenster und stieg auf einen der Tische, um an die Unterkante zu reichen, warf kurzentschlossen seine Last auf die Gasse und sprang hinterher. Nachdem er alles wieder vom dunklen Boden aufgeklaubt hatte wollte er so schnell wie möglich zum nächsten Brunnen, notdürftig den vielen Ruß abwaschen, denn so sah er wirklich wie ein Dieb aus; Erst jetzt bemerkte er auch, dass er sich die Knie der Hose zerrissen hatte, als er durch das Fenster geklettert war.
Vorsichtig steckte er den Kopf aus der Gasse - da packte ihn eine kräftige Hand im Nacken und zerrte ihn auf die Straße, dass er erschrocken abermals alles fallen ließ. Die Hand gehörte einem Mann von der Statur eines Ochsen, mit einer fettigen Glatze und einem gemeinen Grinsen, der nach Schweiß stank und abgerissen und schmutzig genug aussah, um aus der Nachbarschaft zu stammen. Und er sah so aus, als könne er das Kopfgeld auf einen Dieb gut gebrauchen. Kopfgeld. Was für ein schreckliches Wort. Allein beim Gedanken daran konnte er das Beil in der Sonne glänzen sehen. Doch es blieb ihm nicht viel Zeit zu denken, geschweige denn zu atmen, da dieser Kerl seinen Kragen brutal zusammenhielt. Er fühlte sich, als wäre alles in seinem Adamsapfel zu Brei zerquetscht worden. Doch vielleicht war es auch nur die Angst, die ihm die Kehle zuschnürte.
„Ich habe diese Sachen nicht gestohlen – ich arbeite dort!“, versuchte er zu sagen, doch es kam nur ein piepsenden Krächzen hervor. Der große Mann grunzte, zerrte ihn nur noch schneller davon. Nun, es war auch eine lausige Ausrede gewesen, sogar für jemanden wie Jared. Fieberhaft überlegte er, seine langsam taub werdenden Füße kaum mehr registrierend, welche Chancen er besaß. Vermutlich wurde er hingerichtet. Sein Arbeitgeber würde ihn wohl kaum verteidigen. Und wer würde wohl den Beteuerungen seiner Mutter Glauben schenken? Sie dachte doch ohnehin schon, dass er ein Dieb war. Das Gebäckstück von vorhin lag wie ein Stein in seinem Magen, er hätte sich übergeben, wenn etwas durch seinen Hals gepasst hätte.
Unablässig wurde er die Straße entlanggezerrt, die Umstehenden schauten vereinzelt auf ihn hinab, doch waren sie nur halbherzig interessiert. Ohne Unterbrechungen oder Eingriffe gelangte er schließlich zu einem großen, einigermaßen gut erhaltenen Gebäude, dessen Weiß sich durch den Rauch langsam Grau verfärbte. Obwohl Jared noch nie dort gewesen war, musste es das Rathaus sein. Oder irgendein anderes Gebäude, in dem er seine Strafe bekommen würde. Er hatte sich noch nie sonderlich für diese Art Häuser interessiert. Sie waren viel zu groß und sahen nach Reichtum aus. Meistens wurde man ohnehin verscheucht, wenn man versuchte sich auf solchen Grundstücken umzusehen. Kaum hatte er ein ängstliches Keuchen ausgestoßen, zerrte der schmierige Mann auch schon wieder und brachte Jared gewaltbereit durch die Eichenpforte in das Zimmer, das er von seiner Position aus nicht direkt erkennen konnte. Er sah Bänke und Zimmerpflanzen. Auf dem Boden war Parkett, etwas außerordentlich Seltenes in dieser Stadt.
Zitternd und gleichzeitig gespannt wie eine Bogensehne wartete er, was jetzt mit ihm geschehen sollte. "Ja, was ist?", erklang eine etwas ungeduldige Stimme, befehlsgewohnt und elegant moduliert, nicht so wie die grobe Stimme des Fängers, der jetzt antwortete.
"Den Dieb hier hab' ich gefunden. Jeder Dieb drei Silberstücke, habt ihr ausgerufen."
Papier raschelte, als der Richter seine Unterlagen beiseitepackte und erst richtig aufsah. Der Griff um Jareds Hals lockert esich ein kleines bisschen, sodass er zumindest den würdigen Mann hinter dem schweren Schreibtisch sehen konnte. Er hatte bereits graues Haar, war glattrasiert - auch eine Seltenheit, auch wenn Jared es noch gar nicht nötig hatte - und war in feine Stoffe gekleidet, weiß und Scharlachrot. Unwirsch riss er eine Schublade auf und warf einen kleinen Geldbeutel auf den Tisch; Als jedoch der Mann gierig danach grabschte zog der Richter ihn wieder zurück. "Kommt mir nicht zu nahe, ihr stinkt. Außerdem beweist erst einmal, dass der Junge ein Dieb ist."
Verärgert runzelte der dicke Mann die Stirn und trat einen Schritt zurück, aber dann begann er wieder dümmlich zu grinsen. "Ich hab ihn gesehen, wie er in ein Fenster von der Fabrik da geklettert ist. Und er hat auch was geklaut, guckt mal."
Er warf eine Feile auf den Tisch, eine offensichtlich wertvolle, die noch sehr scharf geschliffen war. Interessiert beugte sich der Richter darüber und klemmte sich ein Monokel ins Auge. "Hm ... Selbst wenn du mich belügen solltest, der Junge sieht eh dreckig genug aus um von den Straßen wegzukommen. Nimm dein Geld und pack dich ... Wache!"
Während der Richter dem grinsenden Mann noch den Beutel zuwarf, in dem bereits drei Münzen abgezählt worden waren, trat eine gepanzerte Wache hinein und sah sich nach einem Grund um, weshalb er gerufen worden war. Sein Blick blieb an Jared hängen, der sich endlich aufgerichtet hatte und eine Entschuldigung krächzen wollte. Hm ... Sie brauchten Blut, um die trägen Männer der Stadt zur Kampfeslust anzustacheln, und um ihnen in dieser Zeit ein bisschen Unterhaltung zu bieten. "Herr, ich ... Ein Missverständnis ..." Es war aussichtslos, wie ihm die Antwort lehrte. Mit einem etwas boshaften Lächeln im Mundwinkel besiegelte der Richter sein Schicksal. "Halt den Mund, Junge, jetzt ist es zu spät zum Heulen. Wache, schaff ihn ins Gefängnis, und lass ihn auf dem Weg nicht weglaufen. Der verliert seine Hand ... Als Warnung."
Jared wollte protestieren, Einspruch erheben, seine Unschuld bekunden, aber weder der Richter noch der Wächter ließen sich erweichen; Mit routiniertem Griff und starrem Blick wurde Jared abgeführt. Das Gefängnis war gleich nebenan, das Gebäude erfüllte gleiczeitig den Zweck von Gericht und Kerker. Die wenigsten saßen hier lange hinter Gittern, die meisten warteten stattdessen auf ihre Urteilsvollstreckung. Hier war man seit dem Krieg schnell bei der Hand mit Verstümmelung und Hinrichtung. Jared wirde in eine Zelle gestoßen, die Gittertür zugeworfen und abgeschlossen, und dann verschwand die Wache wieder, ehe er noch einmal seine Unschuld beteuern konnte. Hier war der Boden aus Ziegelsteinen, viele davon gesplittert, mit ungleichmäßigen Fugen, und auf beiden Seiten eines Korridors waren jeweils fünf Zellen mit Gittern vom Boden bis zur Decke abgetrennt. Die einzige Wand die man in den Zellen hatte war die Rückwand, die aber derart verschimmelt und fleckig war, dass Jared nicht wagte, sich dagegenzulehnen. Von einer Rinne im Boden abgesehen waren alle Zellen bar jeder Einrichtung. Abgesehen von dem jungen Neuankömmling waren drei Gefangene anwesend, ein Mann, der in einem blutbefleckten Hemd auf dem Boden kauerte, Haar und Bart verwahrlost, keine Notiz mehr von seiner Umwelt nehmend; Eine junge Frau, die ständig schniefte und sich die Augen mit dem Rockzipfel wischte; Zuletzt ein Junge, der ein bisschen jünger als Jared schien, und der keine rechte Hand mehr hatte. Gebannt starrte Jared auf den Stumpf in der Zelle nebenan, auch wenn in dem Dämmerlicht, das durch ein paar Schlitze kurz unter dem Dach fiel, kaum ausreichte, ihn zu erkennen. Verdammt ... Das erwartete ihn. Er schluckte hart und wollte sich gerade abwenden, als ihn der Andere ansprach.
"Und warum bist du hier? So wie du mich anstarrst Diebstahl. Keine Sorge, mit ein bisschen Glück verblutest du gleich nach dem Hieb. Oder du bist gezwungen weiterzumachen ..." Der Junge war aufgestanden und näher an das Gitter gekommen, das ihre Zellen trennte. "In zwei Tagen, übermorgen, gehts los. Der da hinten" - er deutete auf den regungslosen Mann - "wird wegen Mord gehängt. Bei dem war köpfen wohl nicht genug. Die da" - diesmal zeigte er auf die weinende Frau - "hat anscheinend einen Beamten verletzt und bekommt ein paar Schläge. Weiß nicht ,weshalb."
Die Wortflut überraschte Jared; Er hatte sich Gefangene schweigsamer vorgestellt. Dann aber kam ihm der Gedanke, dass es hier vermutlich ganz schön langweilig war und ein Gespräch eine wilkommene Abwechslung. Vorsichtig begann er selbst zu sprechen.
"Und ... wie heißt du? Du hast auch gestohlen, oder?"
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BeitragThema: Re: Umarth / Ena, Warmonger   Umarth / Ena, Warmonger EmptySo 27 Nov 2011, 13:28

Der Junge verzog ein wenig das Gesicht, als würde die Erinnerung ihm Schmerzen bereiten. Vielleicht war es aber auch Phantomschmerz von seinem Arm? Jared hatte ein paar Kollegen davon sprechen hören. Einmal war jemand in die Schleifmaschien geraten und kratzte sich bis heute noch in der Luft. Verstört wünschte er sich, gar nicht erst gefragt zu haben, doch als er zum Rückzug ansetzte, antwortete der Junge: „Mein Name ist Rok. Und ja, ich hab 'was gestohlen. Ein Stück Fleisch, dafür hacken sie dir die rechte Hand ab. Wenn du Brot stiehlst, geht es an die Linke. Was hast du denn mitgehen lassen?“
„Werkzeug...“, murmelte er kleinlaut. Langsam wurde ihm schlecht. Er war es nicht gewohnt, solche Dinge zu hören. Doch was würden sie tun, wenn er sich in der Zelle übergab?
„Oha. Hm. Welche Hand benutzt du denn zum Schreiben – kannst du überhaupt Schreiben?“ Nachdenklich rieb sich der Junge das Kinn.
Jared verstand nicht ganz. Wofür war das denn wichtig? „Ich schreibe mit rechts. W-werden sie mir diese Hand abschneiden?“
„Womöglich...“
Der Junge gab die Antwort ohne jedes Mitgefühl. Es schien, als sähe er es als Routine an. Als notwendige Strafe für Verbrechen. Doch in Jared staute sich Wut auf. Obwohl er normalerweise niemanden Schuld zuschob, konnte er nicht umhin, Vion zu verfluchen. Ohne diesen Kerl würde er jetzt nicht in einer Zelle sitzen und darauf warten, bis man ihn zum Krüppel machte. Was würde aus seiner Mutter werden? Sie brauchten das Geld, dass sie zusammen verdienten. Und wenn seine rechte Hand fehlte, würde er nicht mehr arbeiten können. Dann musste er stehlen. Und würde noch mehr verlieren.
Er hasste Vion. Jetzt in diesem Moment, während die Sonne unterging und es dunkel wurde, als er Schatten in der Schwärze sehen konnte, bewaffnet mit einem Beil und mit blutbesudelten Schürzen, verspürte er nur ein einziges Gefühl. Hass. Auf die Drachen, die seinen Vater zerfetzt hatten. Auf Vion, der ihn ins Gefängnis gebracht hatte. Auf den unbarmherzigen Richter. Und auf den Jungen, der ihm all diese Gräuel erzählt hatte. Mit Tränen in den Augen ließ er ihn an den Gitterstäben stehen und schlurfte ganz nach hinten in die dunkelste Ecke der Zelle, wo er sich gegen die harte Wand lehnte, die kleine Mauerbröckelchen auf ihn regnen ließ, und die Knie mit den Armen umschloss. Das würde er bald nicht mehr können. Er bemerkte kaum, wie sich sein Hass in Trauer verwandelte, in einen dicken Kloß, der in seinem Hals saß. Als Verzweiflung getarnt. Mit zusammengekniffenen Augen, um die Tränen daran hindern, herauszukommen, presste er sein Gesicht in den Schoß. Vion, den Jared so zu hassen begann, wunderte sich am Abend des Tages, als Jared gerade sein Schicksal betrauerte, dass ebender nicht auftauchte. Schon seit ein paar Stunden hatte er hier auf der kleinen Lichtung gesessen und sich die Finger abgefroren, aber der Junge war einfach nicht aufgetaucht. Verdammt, wahrscheinlich hatte er die Münzen genommen und sich davongemacht. Missmutig stand er auf, rieb sich die Finger am Umhang warm und stapfte durch den Schnee, in Richtung des Dorfes vor der Stadt. Dort, wo er vielleicht ein wenig Bier finden würde, obwohl er sich nicht zu oft sehen lassen durfte. Die Leute würden anfangen, sich zu fragen, wer er denn eigentlich war. Vorher sah er noch einmal nach seinem kleinen Geheimnis ... Und dann machte er sich auf den Weg. Bald saß er im warmen Gasthaus, in einer ziemlich finsteren Stube, aber das Bier war ziemlich gut. Das Haus war nicht besonders voll, nur ein paar Gäste saßen um die Tische und tranken. Immer wieder sahen sie ein wenig misstrauisch zu Vion herüber, aber der ließ sich nichts anmerken. Ein Neuer kam herein, warf seinen Mantel über einen Stuhl und setzte sich zu den anderen. Sofort wandten sich ihm die Blicke zu.
"Irgendetwas Neues aus der Stadt, Gaard?"
Vion hörte aufmerksam zu; Neuigkeiten aus der Provinzhauptstadt würden auch seinen Kommandanten interessieren. Diese Neuigkeiten allerdings waren auch ganz persönlich interessant.
„Ihr müsst übermorgen mit in die Stadt … Da ist eine öffentliche Gerichtsverhandlung. Einer wird gehängt, der hat seine Frau erschlagen, und einem Jungen wird die Hand abgehackt. Endlich ist mal wieder erwas los hier …“
Die anderen waren sofort interessiert, bedrängten den Neuankömmling, der sich in der Aufmerksamkeit sonnte, mit Fragen.
„Was hat der Junge denn gestohlen? Ist ja nicht gerade Hungersnot.“
„Tja, das is noch viel sonderbarer … Der Herold hat ausgerufen, der hätte eine Manufaktur beklaut. Irgendwelche Wekzeuge.“
Das hörte sich gar nicht gut an, fand der junge Soldat. Viel zu sehr, als ob er sich ganz zu Unrecht auf den kleinen dummen Jared verlassen hätte. Er stand auf, beinahe so hastig, dass die Männer am Stammtisch aufmerksam geworden wären. Einige Münzen klimperten auf dem Schanktisch, dann verschwand Vion aus der Gaststube. Draußen steckte er die Hände in die Manteltaschen und dachte nach. Einerseits, er hatte Jared da hineingeritten, er musste ihn auch wieder hinausholen. Andererseits allerdings … War der Junge nicht selber schuld? Er hatte für Geld gearbeitet, das war nichts als ein Auftrag gewesen, wenn er dabei geschnappt wurde war das definitiv sein Problem. Außerdem, wer sagte denn, dass das wirklich Jared war. Es gab tausend Rotznasen wie ihn in der Stadt, eine mehr oder weniger würde kaum vermisst werden. Vielleicht hatte eine von denen die Werkzeuge verkaufen wollen.
Vion wusste, dass das nur ziemlich schlechte Ausreden waren. Natürlich war das Jared, wer sonst sollte in eine Manufaktur einbrechen, und zwar gerade jetzt. Er musste den Jungen befreien … Nur wie? Die Stadtwache war bestimmt weder bestechlich noch von einem alleine gewaltsam zu übereden.
„Alleine komme ich hier niemals raus“, murmelte Jared. Seine Tränen waren irgendwann versiegt. Es brachte nichts, sich jetzt auszuheulen. Wenn sie schon seine Hand haben wollten, dann würde er auf den Richtplatz treten wie ein Mann! Und wenn er sterben musste, dann würde er stark und entschlossen sterben, wie sein Vater! Oder jedenfalls so ähnlich. Sterben war übel. Der Junge dachte noch eine ganze Weile über unwichtige Dinge nach, bis er plötzlich das rostige Knarren des Zellengitters hörte. Ein Mann mit Schwert und Soldatenuniform ließ seinen Blick durch das Halbdunkel gleiten, bevor er eintrat und Jared am Oberarm packte. Ziemlich grob. Er wollte etwas sagen, doch jetzt, wo er sich sicher war, dass man ihm gleich die Hand abhackte brachte er keinen Ton heraus. Vorbei war es mit der Entschlossenheit. Nackte Panik drückte von innen gegen seinen Magen. Wenigstens fing er nicht an zu weinen. Alle Tränen waren schon in seine Ärmel geflossen. Sie gingen zwei Treppen nach oben und durchschritten das halbe Gebäude. Ständig bogen sie ab. Anfangs zählte Jared noch mit, aber es war aussichtslos. Wenn er floh, würde er sich hoffnungslos verirren.Außerdem bezweifelte er, dass er schneller war als die Soldaten.
Endlich, während Jared schwitzte und zitterte, gelangten sie auf einen offenen Platz, der von Bänken eingegrenzt war. Natürlich. Sie waren voll besetzt. Die Bewohner mochten zwar selbst kaum etwas zu essen haben, aber sie sahen doch gerne zu, wenn jemand seine gerechte Strafe bekam, nur weil er noch weniger besaß. Es herrschte fröhliche Stimmung auf den Bänken, selbst der Richter unterhielt sich angeregt mit dem Henker, der sich lässig an seine riesenhafte Axt lehnte. Kurz vor dem Eingang hielt der Soldat inne.
„Tut mir Leid, Kleiner.“ Ehrliches Bedauern schwang in der Stimme mit – dann schubste er Jared auf den Platz und schloss die Tür hinter sich.
Vollkommen überwältigt konnte sich der Junge gerade noch auf seinen Beinen halten. Hilfesuchend blickte er zurück zur verschlossenen Tür. Der Sehschlitz gähnte ihn schwarz und leer an. Einige Zuschauer kicherten. Der Richter gebat Ruhe und wunk Jared dann zu sich her. Obwohl er alles in seinem Leben lieber getan hätte, als vor den ehrfurchtgebietenden Mann zu treten, bewegten sich seine Füße mechanisch auf den wackeligen Holztisch zu. Der Henker schenkte ihm ein hämisches Grinsen, bevor er seine Kapuze aufsetzte.
„Ah. Der Dieb. Eine Hand, hm? Wieso lernen sie es nur nie...“ Er stand auf und trat vom Tisch weg, um den Henker machen zu lassen.
„Volk! Nun seht ihr, was mit Dieben gemacht wird! Unsere Stadt steht für Gerechtigkeit! Ehrlichkeit!“
Während der Richter einen Vortrag hielt, wurde Jareds Arm gepackt und auf den Tisch geschnallt. Der Henker grunzte und hob seine Axt an.. Jared sah sie im Dämmerlicht funkeln...
RAAAAAURGH!
Beinahe gleichzeitig zuckten alle Anwesenden zusammen, als das gewaltige Brüllen die Stille durchschnitt. Selbst der Henker hielt inne und starte nach oben. Jared folgte seinem Beispiel und riss die Augen auf. In rasender Geschwindigkeit kam etwas auf sie zu, etwas Großes. Zunächst war nur der Umriss zu sehen, vogelähnlich schlugen die Schwingen der Gestalt. Doch keine Minute später schoben sich gigantische Flügel über die Sonne. Sie durchleuchetete die lederartige Haut zwischen den Knochen und funkelte auf dem ziegelroten Schuppenkörper des Drachen. Majestätisch ging das Wesen in den Sturzflug und streckte die gewaltigen Krallen, jede so lang wie ein Arm aus. Die Zuschauer flüchteten in Panik, doch der Richter baute sich, kurz bevor der Drache sie erreichen würde auf. „Ich...diese Stadt ist frei von Monstern! Ich werde dich aufhalten, Bestie!“
„Das glaubst du doch selbst nicht!“, rief jemand. Jared erstarrte. Vions Stimme...war sie gerade von dem Drachen gekommen?
Er kam nicht zum überlegen, denn als der Drache nur noch gering vom Boden entfernt war, schnitt ein Schwert seine Schnallen los, eine kräftige, behandschuhte Hand umschloss sein Handgelenk und zog ihn hoch...auf den Rücken des Drachen.
„Festhalten!“, kommandierte Vion, dessen Haare wild vom Wind umherschlugen.
Jared gehorchte. Das erwies sich auch als bitter nötig, denn der Drache machte eine scharfe Wendung nach links, ehe er steil aufzusteigen begann. Jared hörte ein Pfeifen, und ein Schemen jagte am Drachen vorbei. Ein Armbrustbolzen. Der Bolzen blieb nicht allein, eine kleine Wolke von ihnen schoss herauf zu ihnen. Einer von ihnen durchschlug sogar die Flügelhaut des Drachen, eine feine, helle Membran, aber es trat nicht einmal Blut aus. Dann hörte er einen dumpfen Knall, aber das war auch das Letzte, was er von dem Beschuss von unten mitbekam. Erst Minuten später erkannte er, dass mit einer Kanone auf sie geschossen worden war. Das hätte selbst einem Drachen ziemlich wehgetan.
Einem Drachen. Er ritt auf einem Drachen. Gut, das war vielleicht die falsche Bezeichnung dafür: Er klammerte sich an einen jungen Mann, der in einem Sattel auf einem Drachen ritt, während er selbst davon abgesehen keinerlei Halt hatte. Aber vor allem war es ein Drache, ein wildes Monster, das Menschen fraß. Nur die Barbaren im Norden zähmten Drachen, hieß es, fütterten sie mit Menschenfleisch und hetzten sie in einem Blutrausch auf die gegnerischen Schlachtreihen, während sie sich selbst mühsam oben hielten.
Jared stöhnte vor Angst. In einer Kurve sah er auf den Boden herab, auf ein Schachbrettmuster von Feldern, und er stöhnte noch lauter und vernehmlicher, sodass selbst Vion es gegen den scharfen, schneidend kalten Wind hören konnte. Der Drachenreiter hatte einen dicken Mantel an, aber Jared war keineswegs derart gerüstet ins Gefängnis gekommen. Stattdessen flatterte sein dünnes Hemd wie zum Hohn im Wind, sodass der Wind um seinem ganzen Körper flatterte. Die Welt kippte, und Jareds Magen machte diese rasche Bewegung nicht mit; Er hätte sich übergeben müssen, aber der allgemeine Hungerzustand, der ihn normalerweise so quälte, erwies sich einmal als Segen. Die Welt flog auf sie zu, und der Drache hatte seinen mächtigen Flügelschlag anscheinend aufgegeben; Mit wachsender Geschwindigkeit schien er auf ein kleines Wäldchen inmitten von verwaisten, schneebedeckten Feldern zuzufallen. Nur noch hundert Fuß trennten sie vom Boden, vielleicht. Trotz seiner Angst und Unsicherheit was diese Echse anging konnte er nicht an sich halten und stieß hervor: "Vion! Pass auf! Wir stürzen ..."
In dem Moment, in dem Jared gerade die blau verfrorenen Lippen auseinanderzwang kippte Vion in einen eleganten Landeanflug, der die rasante Geschwindigkeit schnell bremste. Ziemlich knapp zwang sich die Flugechse zwischen zwei Fichten hindurch und landete auf eine Weise, die meterweit den Schnee beiseitepflügte. Mit unverminderter Eleganz sprang Vion ab, fast fünfzehn Fuß tief, bloß ein wenig steif von der Kälte. Jared dagegen war regelrecht durchgefroren und hätte nicht einmal dann vom Drachen heruntergekonnt wenn er sich getraut hätte, so tief zu springen. Und dann auch noch auf die bebenden Schuppen zu treten.
"He, Jared, komm runter! Du frierst da oben noch fest ..." Vion grinste zu ihm hoch, ehe er sah, dass das Gesicht des Jungen nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Angst bleich war. Ohne viel zu zögern stieg er auf die gewaltige Pranke des Drachen, über die langen Krallen hinweg, hielt sich an den ein wenig hervorstehenden Schuppen fest und kletterte schnell zu Jared hoch. Unter ihm erklang ein gewaltiges Schnaufen, und mit einem gewaltigen Schurren schwang der Kopf des Drachen zu Jared herum. Sah ihn aus dem Augenwinkel an, denn der Hals war nicht lang genug für eine vollständige Drehung. Die Augen waren golden, mit einer linsenförmigen, waagerechten Pupille. Diese Augen zogen Jared in ihren Bann, sahen gleichermaßen gefährlich und geheimnisvoll, genauso wild wie ruhig aus. Wie Katzenaugen, beinahe. Die Nüstern waren viel schmaler als sie bei einem Pferd dieser Größe gewesen wären, und allem Anschein nach verhornt, wie es die ganzen Schuppen auch waren. Die Zähne waren noch verborgen, aber Jared konnte sie sich vorstellen, krzschwertlange Hauer, die eine Plattenrüstung knackten wie ein Mensch die Schale einer Haselnuss. Es war eigentlich ein schöner Anblick, ein erhebender, majestätischer. Aber Jared starrte nur gelähmt vor Angst auf den gewaltigen Kopf, den Kopf eines Monsters, des Verwandten des Mörders seines Vaters. Doch...wieso griff es ihn nicht an? Drachen waren doch schreckliche Bestien, die, sobald sie auch nur einen Tropfen Blut rochen, das ganze Dorf ihres Opfers auslöschten! Sie ernährten sich am liebsten von Kindern und jagten Unschuldige, weil ihr Hirn voller Boshaftigkeit war. So erzählte man es sich doch überall. Der logischste Schluss auf Jareds Angst vor dem gefressen werden war, dass der Drache satt war. Womöglich hatte er gerade eine ganze Meute zerrissen. Oder wollte sich nicht selbst in den Rücken beißen. Wenn das so war, würde nichts ihn hier herunterkriegen!
Aber er war trotzdem froh, dass Vion zu ihm kam. Kurz vor den letzten Schuppen entfuhr Jared jedoch ein Schrei. Der Drache bewegte seinen Kopf direkt auf ihn zu! Im Wunsch, wegzusehen, doch auch gleichzeitig voll von schreckerfüllter Neugier darauf zu erfahren, was mit seinem Vater passiert war, starrte er auf das Maul des Drachen, welches sich leicht öffnete. Eine warme Brise zerwühlte Vions Haare und ließ seinen Überwurf flattern. Dieser hielt inne. Das konnte Jared nur zu gut verstehen. Sein Retter mochte zwar mutig sein, doch vor dem Maul eines Drachen hätte wohl sogar sein Vater Angst gehabt. Vielleicht hatte er das. War gekrümmt vor Furcht gestorben...nein! Er war ein Held! Hastig rappelte er sich auf, die steifen Glieder schmerzten und ihm war eiskalt, doch er bahnte sich entschlossen einen Weg zum Hals des Drachen. Er wusste nicht so recht, was er tun würde, aber er konnte unmöglich zulassen, wie Vion verschlungen wurde! Er stand tief in seiner Schuld. Ohne ihn...ohne ihn und dem TIER wäre er jetzt eine Hand los...
Er kam zu spät. Die rasiermesserscharfen Fänge des Drachen blitzten weiß auf, als er seinen gewaltigen Kopf zu seinen Umhang neigte...und ihn sanft mit der hornigen Lippe packte. Wie eine Löwenmutter ihr Junges hob er ihn auf seinen Rücken, so sachte setzte er ihn auf, dass Jared allein davon nochmals erstarrte. Als Vion seinen entsetzten Gesichtsausdruck sah, musste er sich ein Grinsen verkneifen. „Das ist sicher ziemlich seltsam für dich“, meinte er und fuhr sich durch die wilden Haare, ordnete sie jedoch nur fahrig. Das Auge des Drachen erschien wieder, diesmal hinter dem Rothaarigen. Konnte es sein, dass dieses Ding ihn neugierig und prüfend musterte?
„Er...“, setzte Jared an, seine Lippen gehorchten ihn kaum, so sehr zitterten sie vor Frost und Furcht. „Wieso hat er dich nicht getötet?“
Der Drache knurrte, was ihn sofort zurückzucken ließ. Panisch sah er sich um. Dieses Tier...das war nicht richtig...Vollkommen durcheinander raufte sich Jared die Haare, in denen sich Schneeflocken verfangen hatten. Er sah es nicht, weil er seine Füße anstarrte, das einzige vertraute Etwas, das nicht völlig aus den Fugen geraten war. Dieser Drache konnte nicht zahm sein! Es durfte keine guten Drachen geben! Das würde bedeuten, sein Vater wäre vielleicht nicht getötet worden, weil das Tier hinterhältig und böse war! Verteidigten sich manche Drachen vielleicht nur vor den Angriffen der Menschen? Wieder gab der Drache ein Geräusch von sich.. Eine Art Heulen. Das war einfach zu viel für ihn...

„Jared?“
Etwas stuppste ihn gegen die Brust. Wohlig warme Luft hüllte ihn ein, unter seinem Körper spürte er weiches, trockenes Gras. Sein Kopf lag auf einem Stück Stoff. Erinnerungen holten ihn ein....ein Junge mit roten Haaren, das seltsame Gerät, das Gefängnis und...der Drache! Das Monster! Erschrocken riss er die Augen auf und begann stoßweise zu atmen. War es ein Traum gewesen? Er sah nur den Himmel, schneeweiß von allen Wolken, die Schnee bringen würden. Kein Drache in Sicht...kein...
„Du bist ohnmächtig geworden.“ Vions Gesicht schob sich in sein Sichtfeld, eine besorgte Falte auf seiner Stirn. „Plötzlich hast du etwas von Unmöglichkeit geschrien und bist umgekippt. Rako hat dich aufgefangen und angeblasen, damit du nicht erfrierst. Wie fühlst du dich?“
Schrecklich. Furchtbar. Das war kein Traum. Dafür brummte sein Schädel zu sehr. Wer war Rako? Und wo war der Drache? Hatte Vion ihn vielleicht fortgejagt? Er schien ja einen guten Draht zu den Bestien zu pflegen. „Gut“, krächzte er so kraftvoll er konnte. Scham breitete sich aus. Was für ein Weichei er doch war! Er war einfach umgekippt! „Er hat den Schnee um dich herum geschmolzen, du bist also warm und trocken“, Vion grinste zögerlich, „Ich denke, ich sollte dir einiges erklären...“
Erwartungsvoll blickte Jared zu dem Älteren auf. Oh ja, das sollte er. Erwartungsvoll blickte Jared zu dem Älteren auf. Oh ja, das sollte er. Wenn nicht würde noch sein Kopf vor Absurdität platzen. EIn Drachenzüchter, der kein Barbar war, der nebenbei, anstatt wie es sich gehörte an der Front zu kämpfen, seine Feinde besuchte, einen von ihnen überredete ihm zu helfen und ihn dann selber rettete. Einer, der sein Tier nicht wie ein Hundemeister loshetzte und hoffte dass es das Richtige angriff. EIner, de rmehr mit seinem Tier zu tun hatte. Falls es denn ein Tier war. Als würde er einen Haufen Gedanken in sienem Kopf ordnen runzelte Vion konzentriert die Stirn. Dann fing er an zu erzählen.
"Also. Du weißt ja, dass dein Land gerade im Krieg ist. Unter anderem mit meinem Land. Da wo ich herkomme ... Da wohnen wir mit Drachen zusammen. Drachen wie Rako. Sie sind unsere Verbündeten. "
Eine Frage nagte schon die ganze Zeit an Jared, aber noch ehe er sie aussprechen konnte schien Vion erkannt zu haben, wonach er fragen wollte. Mit einem ernsten und fast ein bisschen traurigen Kopfschütteln begann er zu erklären.
"Warum ... Ja. Du hörst das bestimmt nicht gerne. Aber in diesem Krieg seid ihr die Angreifer. Die Anderen, das Königreich Arjeema, haben sich mit einem Schlag von Drachen verbündet, der nach und nach die Menschen auslöschen will. Diese Drachen benutzen Arjeema nur, um den Krieg anzufachen ... Und um den Hass gegen uns zu schüren. Wir, damit meine ich Déama, das zweite Königreich, mit dem ihr im Krieg liegt. Uns versuchen jetzt die anderen Drachen zu helfen, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Den Krieg zu beenden. Bevor wir alle draufgehen ..."
Jared wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Vion schaute ihn erwartungsvoll an, er schaute immer noch Vion erwartungsvoll an, und er war sich sicher, dass auch der blöde Drache bestimmt irgendetwas von irgendwem erwartete. Irgendwann räusperte er sich, besiegte das Kratzen im Hals und versuchte zu antworten, ohne dass seine Stimme allzusehr zitterte.
"Mein ... Vater wurde von einem Drachen umgebracht. Ich hasse sie. Hasse sie alle ..."
Mit Tränen in den Augen senkte Jared den Blick und ballte seine Faust so fest zusammen dass die Fingernägel sich tief in die Handflächen bohrten. Der Schmerz half dabei, nicht einfach loszuheulen, aber bald tropften trotzdem allzu eindeutige, schwere Tropfen auf seinen Schoß. Vion saß ihn gegenüber. Unschlüssig. Beinahe hilflos angesichts dieser Situation. "Also ... Das tut mir leid. Und Drachen können wirklich ganz schön grausam sein. Wie Menschen." Das half nicht. Nichts, was er sagte, würde helfen. Also sagte er nichts mehr, stand auf, ging zu Jared hinüber und setzte sich neben ihn. Eine Seite von ihm dachte, dass dieser Junge zu gar nichts nutze gewesen war. Er hatte ihm nicht helfen können, hatte seine Mission vorzeitig abgebrochen - nun gut, das nicht sehr - und verzögerte nun seine Flucht. Aber größtenteils wurde er nicht von kalter Berechnung, sondern von einem warmen Herz eingenommen. Also machte er sich wieder daran, Jared zu trösten, so gut er eben konnte. "Du kannst mit mir kommen. Ich zeige dir mein Land, wie wir wohnen und leben. Das wird dir gefallen. Du machst Spaziergänge durch den Schnee, das weiß ich, und ich glaube, du kannst den ganzen Dreck in den Städten genauso wenig ausstehen wie ich. Bei uns ist alles sauber und der Schnee .... schneeweiß."
Leise, sanfte Worte drangen an Jareds Ohren. Es war eigentlich egal, was für welche, was auch immer Vion gerade sagte, er sagte es beinahe so wie sein Vater es getan hätte. Aber sein Vater war tot. "Aber ... Meine Mutter ist doch noch dort in der Stadt, und ich hab dort meine Arbeit, und da hab ich auch schon immer gelebt!"
Fast verzweifelt versuchte er sich schließlich doch noch gegen das Angebot seines Retters zu wehren. Wäre er nicht gewesen, er hätte weiter glücklich mit seiner Mutter in einer Wohnung leben können. Das redete Jared sich zumindest ein, für eine Zeit, als eine letzte Verteidigung vor der Veränderung, die gerade in kürzester Zeit mit seinem Leben zu geschehen schien. Vion wusste, dass der Junge ziemlich überwältigt sein musste und blieb still.
"Ich komme mit."
Ganz leise raunte Jared zuletzt noch diese drei Worte, gab auf. Gab sein altes Leben auf. Jetzt würde wohl alles anders werden. Vion sah ihn glücklich an und stand auf. "Komm, zieh dir meinen zweiten Mantel an, oben in der Luft ist es verflucht kalt, wie du schon gemerkt hast. Und dann ... Ab nach Hause."
Er sagte nicht, dass er ohne sein Navigationswerkzeug den Weg größtenteils raten musste.

„Was hälst du von Rätseln?“
Die lockere Frage riss Jared vollkommen aus seinen trüben Gedanken. Den Blick auf den Boden, sah er Landschaften an ihnen vorbeiziehen. Menschen waren nur kleine Punkte und der Drache kaum mehr als ein dunkler Fleck am Himmel, den man leicht für einen Vogel halten konnte. Er wusste nicht, wie lange sie schon flogen, doch lange genug, dass sich seine Übellkeit allmählich legte. Er würde nie die Arme ausstrecken können oder während einer Gleitphase aufstehen und sich die Füße vertreten, um sich im genau richtigen Moment wieder hinzusetzen, wie Vion, der scheinbar die Bewegungen des Drachen fühlte. Doch wenigstens übergab er sich nicht mehr. Der erste Flug im Schockzustand war schön und gut, doch das andauernde Geschaukel, wenn das Biest mit den Flügeln schlug, hatte schon bald den letzten Rest aus seinem Magen geholt. Dabei war er ziemlich hungrig. Sie mussten länger als zwei Stunden fliegen – sonst hätte er niemals ans Essen gedacht, kurz nach den Würglauten, die Vion jedesmal besorgt umfahren hatten lassen. Soweit er eben konnte. Auch wenn er anfangs versucht hatte, ganz allein Halt zu finden, hatte er begonnen sich nach dem ersten Sturzflug an den Schwertkämpfer zu hängen wie eine Klette. Die vor Kälte gerötete Wange an seinen Rücken gelegt, verfolgte er vorbeiziehende Baumwipfel und geriet schnell in einen tranceartigen Zustand des Dösens, bis Vion mit ihm sprach. Es dauerte, bis er antworten konnte. Durch den Flugwind, der seine Augen tränen ließ, waren seine Lippen ganz rissig geworden. „Ich mag sie“, sagte er krächzig, „Aber ich bin nicht sonderlich gut darin.“
Eigentlich war er sogar sehr gut darin, doch jemand, der so viel herumkam wie Vion – und einen zahmen Drachen hatte! - kannte sicher Rätsel, bei dem Jared die Ohren schlackerten. Wobei. Sie waren so verfroren, dass sie wahrscheinlich bei der kleinsten Bewegung abbrachen. Vorsichtig nahm er die Hände von Vions Bauch, der sogar mit Hemd, Wappenrock und Mantel beneidenswert hart war, und begann sie zu kneten, so wie er es bei ihm gesehen hatte.
„Das macht nichts.“
Der Drache stieß ein kehliges Knurren aus und schlug langsamer mit den Flügeln. Was hatte er vor? Nun, sein Freund würde schon wissen, was getan werden musste.
„ Pass auf, ich fange an!“ Vion räusperte sich, während Jared sich wieder festklammerte, in Erwartung, dass der Drache gleich etwas tun würde. „ Mein erster ist im Adler aber nicht im Falken,
mein zweiter ist im Rachen aber nicht im Hals.
Mein dritter ist auch im Falken aber nicht im Sperber,
mein vierter im Rachen und im Bauch.
Mein fünfter ist im Rachen, im Bauch und auch im Hals,
mein sechster ist an vielen Orten, zum Beispiel im Feuer.
Was bin ich?“
Zunächst war er vollkommen perplex. Hatte der Drachenzähmer das mit dem Rätseln ernst gemeint? Na gut. Wenn er dachte, er musste ihn unterhalten wie ein kleines Kind, würde er zeigen, was er konnte! In Ordnung. Das war kinderleicht. Es war klar, dass es sich um Buchstaben handeln musste. Jared schloss die Augen, und stellte sich die Wörter vor. Das half auch, um das steigende Schwindelgefühl loszuwerden, das ihn zu übermannen drohte, als der Drache begann, sich heftiger zu bewegen. Er spürte Vion sich etwas vorbeugen und hörte das Geräusch, wenn er mit der Hand auf den Hals des Monsters klopfte. Es klang fast wie bei einem Pferd – nur härter. Er mochte das Geräusch. Wenn sein Vater nach der Feldarbeit dasselbe tat, hieß es „Aufhören für heute! Jetzt gibt es Essen!“ Damals, als es noch jeden Tag Essen gab. Gutes Essen. Als sie noch Reste hatten, für die streunende Katze, den Wachhund...
Der erste Buchstabe war ein „D“. Zu leicht. Das hielt ihn nicht wirlich davon ab, an das zu denken, was man ihn erzählt hatte. Dass sein Volk die Angreifer im Krieg waren. Dabei erzählte man sich doch auf der Straße ganz anderes. Wie man sie ausgebeutet hatte, und jetzt wollte man sie bis auf den letzten Taler auspressen, gewaltsam. Oder log Vion? Wollte er vielleicht nur nicht, dass er ihm misstraute? Womöglich war das eine kluge Falle!
„N“. Quatsch. D und N gab es nicht nacheinander. „R“. Warum sollte man ihn in eine Falle locken wollen? Was versprach man sich von ihm? Abgesehen davon, dass er vielleicht das Navigationswerkzeug reparieren konnte. Gab es bei Vions Volk vielleicht keine Maschinisten? Lebten sie deshalb in schneeweißen Landschaften? Weil kein Rauch die Luft verpestete? Man könnte Jared befehlen, Kriegsgerät zu bauen. Er konnte es. Jedenfalls fast. Er hatte schon häufig dabei zugesehen, wie sie das Eisen formten und beschlugen, Nieten aufsetzten und testeten, ob die Geschosse auch zielsicher einschlugen. Die Geschosse, deren Hüllsen er manchmal geschenkt bekam. Er warf sie immer weit fort. Er hasste Krieg. Und der Inhalt von diesen Hüllsen tötete Menschen auf eine bestialische Weise, die nicht einmal ein Drache kannte.
Jetzt brauchte er einen Vokal. „A“. Einfach...Konzentration. Wenn er es schnell löste, beeindruckte er vielleicht Vion. Wenn er nur wüsste, warum er danach lechzte, von ihm gelobt zu werden. Weil er sonst nie...nein, jetzt ging es um das Rätsel! „C“. „H“. Jetzt war es schon fast klar. Hätte er sich ja denken können.
„Drache.“ Jared bemühte sich gelangweilt zu klingen, doch aus irgendeinem Grund hörte sich das Wort an wie „Schau, ich habs!“.
„Hat ja auch lange genug gedauert. Ich dachte schon, du wärst eingeschlafen.“ Obwohl er sich gekränkt fühlte, musste er lächeln. Vielleicht dachte er ja tatsächlich zu viel nach. Vielleicht sollte er sich einfach tragen lassen, sich vorstellen selbst zu fliegen und fröhlich sein. Verdammt, er war frei! Nichts hielt ihn irgendwo, auch wenn er seine Mutter vermisste. Jetzt, wo sie allein war und zu der Familie ziehen konnte, der sie diente, würde es ihr zehnmal besser gehen.
Ein plötzlicher Ruck, der durch den Drachen, Vion und auch durch ihn ging, erschreckte ihn. Er spürte etwas an seinem Bein entlangstreichen. Das war der Ruck in sein neues Leben! Er würde es empfangen und sehen, was auf ihn zukam! Voller Selbstvertrauen öffnete Jared die nun entspannten Augen – doch bei dem, was er erblickte, kniff er sie gleich wieder zusammen, so fest er konnte. Wieder einmal schien es die Erde darauf abgesehen zu haben ihm genau im Gesicht zu landen, denn zumindest kam sie mit mörderischer Geschwindigkeit näher. Es sah friedlich aus, fast nichts als nur schneebedeckte Ebenen war zu sehen, eine Welt unter einem Bahrtuch. Seinem Bahrtuch vorrausichtlich. Seine Aufmerksamkeit wurde jedoch abgelenkt, als ein Wirbel auf der vorher so ruhigen, unkonturierten Oberflächen erschien. Nein, nicht einer, es waren zwei, einer links, einer rechts, wirbelnde weiße Strudel, wie winzige Stürme. Gebannt blickte Jared auf das Schauspiel. Es kümmerte ihn kaum noch, wie schnell sich ihm die Szenerie näherte. Seine Neugierde war immer schon ziemlich ausgeprägt gewesen, einer der Gründe, weswegen er so gute Arbeit in der Stadt gefunden hatte. Jetzt, wo seine Angst beinahe betäubt war, spürte er wieder sein Bein; Sie hatten einen Baum gestreift, waren durch das Geäst geflogen und seine Hose hatte einen guten Teil des Schnees mitgenommen. Die Kälte machte Jared nach diesem Flug kaum noch etwas aus, er klopfte sich nur hastig die Hose aus, bevor er sich wieder an Vion klammerte. Rauschend landete der Drache wieder in der Einsamkeit, diesmal weitab jeden Hofes und jeder Stadt. Niemand würde sie hier aufspüren können. Jared wusste nicht mehr genau ob er das bedauerte oder nicht. Eigentlich hörten sich die Aussichten, wenn er mit Vion mitging, rosiger an als die bei ihm zuhause, aber er konnte ja nicht wissen ob der junge Mann ihm bloß Märchen erzählte. Mit einer riesigen Wolke aufstiebenden Schnees landete der Drache, schlug noch einmal ausladend mit den Flügeln um die Flughäute in die richtige Position zu bringen, und faltete sie dann über dem Rücken zusammen, nur knapp links und rechts von Jared entfernt. Vion richtete sich im Sattel auf und half dem wieder noch lächelnden Jared hoch. "Na bitte, hat doch Spaß gemacht. Wir haben sicher schon die Hälfte der Strecke hinter uns. Du wirst sehen, das wird toll." Nein, das konnte keine Falle sein. Jared war zu naiv um die extremen Gegensätze zwischen Schein und Sein zu kennen, aber Vion war einfach ... richtig. Ungezwungen, ungekünstelt. Sie stiegen über die Flügel des Ungetüms ab. Vion zeigte ihm eine Stelle am Flügelknochen, auf die er treten konnte ohne den Drachen zu verletzen, doch als Jared unsicher seinen Fuß dorthin setzte zuckte der Flügel plötzlich, und der Junge purzelte überrascht hinab, bis er einen Gurt um den Bauch des Tieres zu fassen bekam. Seine Finger, die schmerzhaft über die harten Schuppen gerutscht waren und jetzt auch noch zwischen dem Gurt und den Bauchschuppen eingeklemmt waren, brannten furchtbar von der Kälte. Ehe Vion ihm allerdings zur Hilfe eilen konnte hatte Jared schon losgelassen und war sicher im Schnee gelandet, wo er an seinen an den Knöcheln blutenden Fingern saugte. "Verdammt kalt hier, was? Hm ... Und Drachenschuppen sind hart. Tut mir Leid wegen gerade eben, Rako ist schon zu lange keinen anderen als mich mehr gewohnt ..." Eigentlich hatte es Jared gar nicht so viel ausgemacht. Gut, es hatte wehgetan ... Aber gleichzeitig war es lustig, aufregend, über einen Drachen zu klettern, notfalls auch, von ihm herabzufallen. Er grinste wieder ein wenig, auch wenn seine gefrorenen Gesichtsmuskeln das nicht recht rüberbringen wollten. "Macht nichts ... Unten bin ich, und nach unten wollte ich ja auch. Was machen wie hier im Nichts?" Vion hatte sich schon daran gemacht, die Riemen des Sattels ein wenig zu lockern und ein paar Sachen aus den Taschen zu holen. "Wir rasten ein wenig. Rako ist schnell und wendig, und eigentlich auch ziemlich ausdauernd - aber in der Kälte hier braucht er einfach eine kleine Pause. Du auch, glaube ich."
Eigentlich wollte Jared nicht zuvorkommend behandelt werden, er war sich sicher dass er genauso viel aushalten würde wie Vion; Er sparte sich aber jeden Widerspruch, ihm war es zu kalt zum Reden. Früher war er selten bei so einer Kälte draußen gewesen, und die Stadt war durch die unzähligen Gießereien und ungedämmten Wohnungen, in denen geheizt wurde, ein wenig wärmer. Jetzt jedoch stapfte er schwerfällig im Kreis herum, um ein wenig warm zu werden. Auf einmal hörte er ein tiefes, langes Fauchen, fast wie ein langsames Ausatmen. Er wirbelte nach der Quelle des Geräusches herum - und sah gerade noch einen dünnen Feuerstrahl, kaum dicker als sein Handgelenk, zwischen den Lippen des Drachen hervorgehen. Der Strahl weitete sich kegelartig aus, bis er eine Fläche von mehr als einem Quadratmeter aufgetaut und halbwegs getrocknet hatte. Jared starrte mit offenem Mund das Geschehen an, beeindruckt von den rotgoldenen, flackernden Flammen. Er hatte ja davon gehört, dass Drachen Feuer speien konnten, aber er hatte sich das nie richtig vorstellen können. Vion, der es sich in der Zwsichenzeit schon auf der freien Fläche bequem gemacht hatte, grinste nur, als er die Verwunderung seines jungen Begleiters sah. "Komm her, wir machen ein kleines Picknick im Gras ... Und sag unserem großen Freund danke dafür, hm?"
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BeitragThema: Re: Umarth / Ena, Warmonger   Umarth / Ena, Warmonger EmptySo 27 Nov 2011, 13:29

Natürlich, genau das würde er tun. Er sagte schließlich täglich danke zu einem schuppengepanzerten Kampfmonster, das ihn mit einem Happs verschlingen könnte. Oder mit einem falschen Atemzug knusprig braten. Jared verfolgte Vion mit zusammengekniffenen Augen, als er sich furchtlos an den Brustkorb des Drachen lehnte und mit einer Hand die weiche Haut unter dessen Achsel kraulte. Die rostrote Zunge hing ihm über die scharfen Zähne, er hechelte beinahe wie ein Hund. Er mochte Hunde. Damals auf dem Bauernhof hatten sie ab und zu einen Wachhund gehabt, obwohl Gänse besser auf Fremde anschlugen. Aber jedes Jahr zum Erntefest war die Gans plötzlich verschwunden gewesen. Er musste schmunzeln über die wilden Geschichten, die sein Vater ihm beim großen Essen - Gänsebraten mit Kartoffelklößen - erzählt hatte, als er noch zu klein war um die wahre Schrecklichkeit zu erfassen. Machte Vion gerade daselbe mit ihm? Versuchte er seine Augen auf das Schöne zu lenken, während er unter dem Umhang der sanft geflüsterten Worte etwas Dunkles verbarg, triefend vom Blut einer geschlachteten Wahrheit?
Mit abgehackten, froststarren Schritten wankte er zum Gras, welches erstaunlich warm war. Die Halme waren vollkommen unberührt. Er strich mit der Hand darüber, um nicht aufschauen zu müssen, während sein Retter den Umhang ausbreitete und ihren Proviant darauf ausbreitete. Es gab Brot, Käse und sogar etwas Wurst, die schwer nach Rauch duftete. Damals, wenn er faul herumgesessen war, hatte seine Mutter ihm einen Klapps gegen den Hinterkopf versetzt, und ihn neckisch Träumer genannt. Vion schien sich nicht daran zu stören. Aber Jared passte es auch nicht, dass er so übergangen wurde. Wie ein kleines Kind fühlte er sich behandelt. Er stand auf und wollte helfen, da fing etwas Glitzerndes seinen Blick ein. Der Drache lag immernoch halb auf den Rücken, Vion den blanken Bauch anbietend. Hunde taten das aus Respekt. Wie konnte ein Monster einen Menschen respektieren?
Er hatte seinen Kopf gedreht und schaute nun direkt den Jungen an. Versteinert schaute er in die Augen, beobachtete wie die Nickhäute auf-und zuklappten. Gönnerhaft bemerkte er erst jetzt, wie der große Drachenflügel ihnen Schutz vor den eisigen Winden gewährte.
"Danke", sagte er etwas heiser, stockend. Die Luft war aus ihm gewichen. Zuerst dachte Vion, er wollte ihn ansprechen, doch als er sah, wie sich Jared und Rako anstarrten, grinste er nur in sich hinein. "Unglaublich, nicht wahr? Manche Legenden sagen, dass man in den Augen eines Drachen seine Bestimmung erkennen kann."
Ohne auf seine Worte einzugehen machte Jared ein paar Schritte auf den Kopf des Ungetüms zu. Die Pupillen folgten ihm. Er spürte die sanfte Berührung des warmen Drachenatems. Fühlte sich beinahe an wie der große Blasebalg in der Maschinerie. Und davor hatte er auch noch nie Angst gehabt!
Die angesengten Grashalme rings um die Nüstern knisterten unter seinen Stiefeln wie Strohhalme. Jeden Moment rechnete er damit, dass er den Hals ausstrecken würde und ihn schnappen, zerbeißen würde. Er war jetzt fast direkt neben dem rechten Auge. Er konnte den rythmischen Herzschlag des Drachen spüren, der die gesamte Erde nahe bei seiner Brust in Schwingung versetzte.
Da verschwand das Glitzern des Schnees aus dem Auge des Tieres, rückte in den Hintergrund, als Jared sich darin spiegelte. Er würde gleich seine Bestimmung sehen - sein Ziel. Aufgeregt ballte er die Hände zu Fäusten. Der Drache blinzelte.
Dort im Auge spiegelte er sich. Ein Junge zwischen Kind und Mann, mit zerzausten, schneeflockenbestäubten Haaren, in denen noch vereinzelte Ölflecke klebten. Große, angsterfüllte Augen, in denen sich der Drache selbst spiegelte. Um ihn herum die glänzenden Lichter des Schnees. Enttäuscht wollte er den Kopf sinken lassen, da sah er etwas weiteres. Ein helleres Glänzen, zurückstrahlend, silbern. Es war hinter ihm.
Als Jared sich gebannt umwandte, erblickte er Vions gezogene Klinge, mit der er sich gerade eine Scheibe Brot abgeschnitten hatte. Eine Augenbraue leicht gehoben, musterte er den vor Erwartung zitternden Jared. Er drehte sich wieder um, doch der Drache hatte die Augen geschlossen. Vermutlich war das ganze Gerede von der Bestimmung wirklich nicht mehr als eine Legende, vertröstete Jared sich und drehte sich wieder zu Vion um. Beinahe vorwurfsvoll ließ er sich neben ihm nieder. "Da ist doch gar nichts passiert. Nur ein Drachenauge."
Aber er war nicht überzeugend; Das "Nur" hörte sich eher an wie "Verdammt, sah das beeindruckend aus!" an. Immerhin bemerkte er das noch selber, brummelte ein wenig, um Vions Antwort zu ersticken. Er wollte sie gar nicht hören. Als er sich zum gleichen Zweck etwas Sinnvolleres überlegt hatte fragte er, was er denn noch tun könne, während Vion gerade eine dicke, anscheinend ziemlich gründlich geräucherte Wurst aus seinem Bündel holte. "Nichts", war die Antwort, "Habs schon fertig. Kein Problem, ehrlich." Auch ihm ging auf dass Jared sich langsam ziemlich überflüsig vorkommen musste. Das Schlimmste daran war dass er es eigentlich wirklich war ... Wofür brauchte Vion ihn schließlich schon? Aber jetzt war er da, und Vion musste sich irgendwie darum kümmern dass er sich nicht vor Verzweiflung vom Drachen stürzte. Vorerst griff er jedenfalls nach der Wurst, zerschnitt sie mit einer irgendwie sehr eleganten Geste des Schwertes in zwei Teile, wickelte einen davon in eine dicke Scheibe Brot und biss davon ab. Mit vollem Mund kauend bedeutete er es dem Jungen es ihm gleichzutun. Seufzend ließ der sich schließlich nieder und folgte der Aufforderung. Langsam drang die Kälte wieder an ihn heran, und er zog den Mantel enger; Dennoch war es wärmer als nur fünf Meter weiter, nicht nur, dass immer noch Wärme vom Boden ausstrahlte, auch die Anwesenheit des Drachen selber ließ es in der Entfernung noch ein wenig wärmer sein. Schweigend aßen sie. Nicht nur, dass es nicht viel zu reden gab, nicht nur, dass es eigentlich zu kalt dazu war, Jared hatte auch noch den Mund zu voll um mit seinen guten Manieren etwas zu sagen. Vion schien es ebenso zu gehen, was die Theorie des Jungen, dass Vion ein Adeliger war, nur erhärtete. Nicht, dass er selber adelig gewesen wäre, aber trotzdem ... Auf dem Land hatte seine Mutter geherrscht wie eine kleine Königin. Zumindest über ihren kleinen Hof. Und sie hatte Jared erzogen wie einen kleinen Prinzen ... Es war in den verträumten Augen zu sehen dass er wieder Gedanken nachhing die Vion nicht für die richtigen hielt, nicht auf einer Reise wie dieser, ins Ungewisse und vermutlich ohne Rückkehr. Es war nicht gut wenn Jared bloß an seiner Heimat hing. Er wartete, bis sein Begleiter sein Brot fast fertig hatte, und ehe er nach dem nächsten greifen konnte machte rer ihm einen Vorschlag. "Was hältst du von einem kleinen Spaziergang? Ein bisschen die Beine vom Flug entspannen, Rako ein bisschen Zeit zum Ausruhen lassen ... Der Kerl kann auch im Schnee schlafen, schau mal, die ganzen Schneeflocken kommen gar nicht auf ihm an." Tatsächlich bildeten sich nur auf den Flughäuten leichte Schneeschleier, der Rest des Körpers war so zieglerot wie eh und je. Jared fiel auf das Ablenkungsmanöver hinein und stand auf, eigentlich, um sich Rako anzuschauen, aber Vion deutete das gewaltsam auf Zustimmung um und ging schon einmal voraus, sodass Jared nicht anders konnte als ihm zu folgen. Etwa eine Minute stapften sie schweigend durch den weichen, feinen Schnee, der unter ihren Schnitten knarrte, den Blick nach unten gerichtet, um nicht in einer Schneewehe steckenzubleiben oder umzuknicken. Zu spät fiel dem jungen Mann ein dass, während er Stiefel anhatte, die einfachen Schuhe Jareds ihm wohl nasse Füße bescheren würden. Und ziemlich kalte. Trotzdem ging er weiter. "Jared ... Du wirkst nicht besonders glücklich mit dieser Reise. Du glaubst es wäre besser gewesen zuhause zu bleiben, hm? Du wirkst als würdest du dich hier völlig fehl am Platz fühlen. Aber das bist du nicht."
Vion hatte Recht behalten. Noch die warme Wiese gewöhnt, auf der sie gepicknickt hatten, dachte der Kleine gar nicht daran, dass seine Schuhe nass werden würden, wenn er im Schnee herumstapfte. Jetzt bereute er es, so unvoraussehend gewesen zu sein. Die Kälte war ihm bis ins Mark gefahren, seine Unterlippe bibberte, als würde er gleich losheulen, doch der Schwertkämpfer musste wissen, dass das an der Kälte lag. Jared bewunderte ihn dafür, so durch den Schnee stapfen zu können, mit verwehten Haaren, die nicht zerstruwwelt aussahen, sondern wild, abenteuerlustig. Die Arme um den Oberkörper geschlungen, den Blick konzentriert verzogen, während er ihm erzählte, wie er glaubte, dass sich der Maschinist fühlte. Tatsächlich hatte er gar nicht so Unrecht. Gegen ihn war er doch nur ein Zahnstocher, rein physisch. Und vom Gefährlichkeitsgrad, ein Wattebausch vielleicht. Ein Stück Schafswolle. Er seufzte. Missbilligend betrachtete er den Dampf, der von seinem Mund aufstieg. Seine Zehen fühlten sich abgestorben an. Eine Weile konnten sie noch durch den Schnee staken. Jared zwang sich, bloß nichts zu sagen. Er würde genauso weit kommen wie Vion. Weiter. SO kalt war es doch gar nicht...
"Bekomme ich eine Antwort?", fragte der Rothaarige unvermittelt, so als würde ihm nicht auffallen, wie sehr er zitterte.
"Ich...ja, ich bin...vermutlich bin ich dir nur solange nützlich, bis ich dein Dingsda repariert habe." Erst nachdem er es gesagt hatte bemerkte Jared, dass er als lernender Tüftler und Gerätebauer nicht unbedingt professionell wirkte, wenn er präzise Navigationseinheiten als "Dingsda" bezeichnete.
"Ach was. Wir finden schon irgendetwas, dass du kannst. In dir steckt sicher mehr als ein kleiner...Jared! Deine Lippen sind blau!" Natürlich waren sie das. Aber das machte nichts, er würde einfach weitergehen, wie Vion...Blaue Lippen bekam man schnell. Er versuchte sich zu wehren, als der Große seine Handschuhe abstreifte und sie unsanft auf seine erstarrten Finger schob, sie umknickte, doch das spürte er kaum. Irgendwie fühlte er sich plötzlich sehr träge. Seine Füße kribbelten seltsam. Der Wind war stärker geworden, das hatte er gar nicht bemerkt. Sie waren weit gekommen, Rakos Silhouette war nicht mehr zu sehen. Nur noch Schnee, Bäume und Steine. Und Vion. Vion, der seinen Mantel aufknöpfte und Jared darin einwickelte. Nur undeutlich nahm er das war. Was war plötzlich los mit ihm? Von einer Minute auf die andere war er weggetreten, traumwandlerisch...die Kälte. Die Kälte musste es sein. Er hatte die ganze Zeit schon viel zu sehr gefroren und nun hatte er es übertrieben, er musste einen Schock haben. Schließlich war er mit nassen Schuhen durch gefrorenes Wasser gelaufen. Seine Arme taten weh, als sie vom Körper losgerissen wurden. Vion legte sie sich um den Hals, wo sie eine erstarrte, eiskalte Kette bildeten. Seltsamerweise waren die Sehnen, die durch Vions Sorge hervortraten warm. Ohne sich dafür zu schämen schob er die Finger in den Kragen seines Kettenhemdes. Der Kämpfer schauderte, doch auch dort war er warm. So warm...hatte er vorhin nicht ein Wort geflüstert? Die Wärme verlagerte sich auf ihn, als er ihn scheinbar mühelos hochhob, unter seinem Hintern die Hände verschränkte, weil er sich selbst nicht halten konnte. Auch seine Füße hakte er ineinander, obwohl er sie nicht fühlte. Er musste die Wärme unbedingt berühren. Jared schob die glimmenden Funken, die über die Rüstung zu tanzen schienen auf seinen Zustand, schon der stundenlange Flug war ungesund gewesen, und jetzt die Schneewanderung...Er war müde. So müde...
"Schlaf nicht ein!", flüsterte Vion und berührte so mit seinem Nacken seinen Kopf, als er ihn drehte. Sein Gehirn bekam Wärme. Er wurde wacher. Aber nur etwas. Schlafen war zu gut...
Irgendwie schaffte er es doch nur halb wegzudämmern, während die schnellen, festen Schritte des Ritters ihn wiegten. Beinahe fühlte er sich wie ein Kind. Sein Vater hatte ihn auch oft so getragen, als er klein war. Er liebte es. Es war fast gleich. Lediglich die derben Flüche, die Vion hin und wieder auf sich und Jareds verdammte Verschwiegenheit ausstieß waren ein Unterschied. Aber er war sicher. Es war warm, niemand würde ihn angreifen. Er sollte einfach die Augen schließen und über gar nichts nachdenken, nur die Wärme spüren...
Vion trug den Jungen zurück zu ihrem kleinen Lagerplatz. Durch seinen Mantel hindurch fühlte er, wie der Körper in seinen Armen zitterte. Schuldgefühle überkamen ihn, seine Dummheit schien ihm auf einmal klar vor Augen zu stehen. Was für eine Idiotie, einen leicht bekleideten Jugendlichen dazu zu bringen mit ihm durch knöchelnhohen Schnee zu stapfen! Wenn Jared jetzt starb? ... Ihn von seiner Mutter zu trennen, aus seiner Stadt zu verschleppen, Todesängste ausstehen zu lassen, nur wegen seinem Mutwillen? Vion biss sich auf die Lippen wie ein kleiner Junge, der nicht mehr wusste was er tun sollte. Ohne darauf zu achten dass der von seinen hastigen Schritten hochgeworfene Schnee auch ihm in die Stiefel fiel eilte er voran, durch die weiße Wüste auf einen roten Berg hin, der sich schon sehr deutlich erkennen ließ. Immerhin, ihre Spuren im Schnee waren eindeutig, noch von keinem Wind verweht, sodass es Vion leicht fiel zurückzukehren. Wie eine Opfergabe legte Vion den schon beinahe eingeschlafenen, nur noch dämmrig mit der Welt verbundenen Jungen vor Rakos Schnauze. Trotz der Funken, die Vion aufgeboten hatte, war er inzwischen fast todeskalt. Dieser schob den Kopf ein wenig vor, begutachtete den Körper, roch kurz an ihm, schien die Kälte zu bemerken, die ihn zu töten drohte. Er öffnete das Maul, zeigte seine spitzen Zahnreihen. Selbst Vion, der schon lange Drachen ritt, schon lange mit Rako zusammen war, sah gebannt zu. Was würde jetzt passieren? Ein Drache konnte sein Feuer doch nicht schwach genug einsetzen um jemanden nur zu wärmen. Auf die Entfernung würde Jared gegrillt werden, ein schnellerer Tod als Erfrieren vielleicht, aber auch das war bestimmt nicht das, was er wollte. Wollte er ihn etwa fressen? Zögerlich machte Vion wieder einen Schritt auf das Geschehen zu, als etwas langes, rotes zwischen den scharfen Vorderzähnen hervorglitt. Zwei fast blutrote spitze Enden, die zu einer breiten, flachen Zunge zusammenliefen. Langsam, fast zärtlich, leckte Rako über die Wange Jareds, hinterließ vor Hitze einen breiten roten Streifen. Die Zunge verschwand wieder, kam wieder hervor, wischte über den Körper des Jungen, zerriss dabei fast die Kleidung, denn in der Zunge des Drachen steckte fast so viel Kraft wie in den Armen eines erwachsenen Mannes. Zögerlich näherte Vion sich der Szene. Jareds Atem ging schon schneller, nicht mehr so schwach und unregelmäßig wie vorhin. Seine Lider flatterten ... Öffneten sich ... Nein, vorerst blieben sie doch geschlossen. Verzweifelt lief Vion zu den Satteltaschen, holte alle Decken, die er finden konnte und breitete sie alle über Jared, der auf der freigeschmolzenen Wiese lag. Schließlich bettete den Kopf seines Weggefährten in seinem Schoß, strich verzweifelt durch das braune, ölverschmierte, schneenasse Haar und hoffte nur, dass er wieder erwachen würde. Immer wieder schob sich auch die Zunge des Drachen über die Haut, wärmte ihn, schirmte sie beide abermals gegen den Wind mit Körper und Schwingen ab.
Der Kältesturz war nur der Anfang. Minuten später streiften die ersten Schneeflocken Vions Wangen. Hilflos sah dieser auf. Er konnte nicht weiterfliegen und Jared hier lassen, wenn er ihn mitnahm würde er aber ziemlich sicher sterben. Und den Sturm hier auszustehen - würden sie das schaffen? Würde der Junge hier überleben? Und ob der Drache der Gewalt des Sturms widerstehen würde können war nur eine Frage mehr. Seine Kraft war unbestreitbar, aber nach Tagen ohne Jagdbeute und in einer ungewohnt kalten Gegend würden auch seine Reserven sich dem Ende neigen. Als wäre er ebenso besorgt hob Rako den Kopf, blickte in Windrichtung, blinzelte unwillig, als ihn Eissplitter in die großen Augen stachen. Mit einem Schnauben drehte er sich wieder zurück, rollte sich enger um die beiden Menschen zusammen. Normalerweise hätte er auch die letzte Distanz noch geschlossen, um sich selbst so gut wie möglich zu wärmen, aber er wusste, dass auch die Menschen Wärme brauchten, und davon nicht halb so viel hatten wie er. Wie bedauernd zog er die schirmenden Flügel zurück und legte sie auf dem Rücken an, aber Vion wusste, dass er sie nicht lassen konnte, wo sie waren. Zu leicht hätte de Wind sie ausrenken können, zu schnell kühlte ihre große, gut durchblutete Oberfläche den gesamten Kreislauf ab. Nur der dreieckige Kopf war den beiden noch zugewandt und blickte sie ruhig an - wenn auch nur, weil Drachenaugen zu keinerlei Emotionen fähig waren. Tatsächlich war seine Sorge wahrscheinlich genauso groß wie die Vions. Das gesamte Gepäck war schon gar nicht mehr in ihren Kreis einbezogen, war nicht wichtig genug, um ebenfalls die Wärme zu erhalten, die in den nächsten Stunden wahrscheinlich sehr knapp werden würde.

Langsam, zögerlich öffneten sich von Körnern verklebte Augen, vor Drachenspeichel klebrige Hände ballten sich schwach zu Fäusten. Mit einem einzigen, kraftvollen Keuchen durchbrach Jared die Atemnot, die ihn in seinen Träumen zu übermannen schien. Er wusste nicht einmal mehr, wovor er geträumt hatte, doch es war so furchtbar gewesen, dass es ihn aus seiner Bewusstlosogkeit gerissen hatte. Noch vom Fieber zitternd, blinzelte der Junge hinauf in den von weißen Schneewolken verdeckten Himmel. Moment mal. Es schneite nicht mehr! Sein Haar war noch nass vom Schnee, außerdem konnte er sich aus irgendeinem Grund nicht bewegen...Waren ihm etwa die Gliedmaßen abgefroren?! Entsetzt schaute er hinab auf seinen Körper und erkannte erleichtert, dass er nur in einen dicken Haufen Decken eingewickelt war, die ihn daran hinderten, Arme und Beine zu heben. Den ersten Schock überstanden, folgte, nachdem er sich mühsam aus den Gewirr an Stoff und Leder gezwängt hatte, gleich der nächste. Jared schaute aus einer halb aufrechten Position in riesengroße, runde Drachenaugen, die ihn aufmerksam beobachteten. Vor Schreck stieß er einen leisen Schrei aus und sprang auf die Beine, wodurch ihm gleich wieder schwindelig wurde. Rako stieß ein sanftes Knurren aus und stuppste ihn mit der Zunge an, was ihn wieder ins Gleichgewicht brachte. Wo war Vion? War er von allen guten Geistern verlassen, ihn alleine neben der Bestie liegen zu lassen?! Mit ängstlichen, wackeligen Schrittchen ging er auf Entfernung, erkannte aber, dass er in der Falle saß. Der gewaltige Schwanz des Drachen war unter dessen Kopf geklemmt, so dass er einen Kreis um den Jungen bildete. Eine unüberwindbare Falle aus Schuppen. Entkommen war unmöglich, da die scharfen Augen des Tieres ihn in alle Ecken folgen konnten. Er war verloren...vielleicht hatte er auch Vion gefressen und würde sich nun ihm einverleiben? Jareds Herz begann schneller zu schlagen, das Blut rauschte in seinem Kopf, der noch ganz taub war vom Fieber.
"Hey, Kumpel! Starr ihn doch nicht so an!" Ein Patschen war zu hören, irgendwo von der anderen seine des Drachens. Vions Stimme! Erleichtert fiel Jared auf den Hintern und staunte nicht schlecht, als Rako sich einfach auf den Rücken wälzte und alle Viere von sich streckte wie ein Hund es gegenüber seinem Herrchen tat. Die gespaltene Zunge hing schlaff aus dem Mund und war das einzige, wo sein Ritterfreund hinkam. Erst jetzt warf er einen Blick auf ihn und blinzelte. Drei tote Schneehasen hingen an seinem Gürtel. Eigentlich taten sie ihm Leid, immerhin waren diese Geschöpfe so unschuldig und wehrlos...aber ein lautes Magenknurren veranlasste ihn, über diesen Umstand hinwegzusehen. "Hm, hey, Jared, wie geht's dir? Komm mal her."
Er wollte nicht bemuttert werden, deshalb zuckte er etwas zurück, als sich die blanke Hand des Älteren auf seine Stirn legte und auch noch seine Wangen befühlte, doch er tat es nicht wirklich so, wie es seine Mutter früher getan hatte. Das 'Fiebermessen' endete mit einem freundschaftlichen Klapps auf den Rücken, der ihn beinahe umwarf. "Du bist noch etwas heiß, aber das ist eigentlich ganz gut. Hier, nimm den Hasen und gib Rako eine Belohnung dafür, dass er dich gerettet hat - dann nehmen wir diese Dinger hier aus. Du brauchst etwas Frischeres und Nahrhafteres als den Proviant." Er setzte sich im Schneidersitz auf die Grasfläche, von der ihr schuppiger Freund den Schnee verbannt hatte und löste die Hasen vom Gürtel. Einen warf er dem angeekelten, verwirrten Jared zu, den anderen häutete er mit einem Taschenmesser. Einen Moment starrte der Junge unschlüssig zwischen den beiden hin und her. Gerettet? Wie hatte Rako ihn denn...
"Bwaaaah!"
Etwas langes, rotes war aus dem Mund des Drachen geschossen und hatte sich um seinen Arm geschlungen. Mit einem kräftigen Ruck zog er Jared bis zum Schultergelenk in seinen Schlund und glitt dann mit den rauhen Drachenlippen abwärts, wobei er eine Menge schnoddriger Drachenspucke hinterließ, die ihn beinahe vergessen ließen, dass Rako gerade den Hasen aus seiner Hand gesaugt hatte. "Igitt...", machte er und schüttelte seinen armen Arm aus. Das Gelächter, dass er von Vion hörte trug nicht unbedingt zu seiner Laune bei....
"Was ist eigentlich passiert?", fragte er deshalb, um von der Situation abzulenken, während er sich neben ihn setzte und energisch seinen Arm durch das Gras rieb. Wie widerlich..."Na ja, du hast es ihm nicht gleich hingeworfen, also hat er es sich genommen, er ist ein wenig ungestüm, wenn er hungrig ist..."
"Nicht das. Was ist passiert als ich ohnmächtig wurde? Ich erinnere mich an Funken und...an sonst gar nichts." Er verzog das Gesicht, als er den Hasen hochhob und versuchte mit einem zweiten Messer, welche Vion scheinbar in seiner Rüstung sammelte, seinen Bauch aufzuschlitzen.
"Na ja. Um die Freundschaft eines Drachen zu erhalten, lebt man lange mit ihm. Man vertraut sich gegenseitig und versucht ihn davon zu überzeugen, dass die Knechtschaft Vorteile für ihn bietet. Irgendwann nimmt man eine Art inneres Feuer an, so wie sie. Oder einfach erklärt: Magie." Grinsend schabte er seinen Haufen Eingeweide zusammen und warf ihn über die Schulter, wo er von Rako direkt geschnappt wurde. "Hey, Kumpel, mach mal Feuer da in der Mitte..." Er schnalzte mit der Zunge und deutete auf die Wiese knapp hinter sich. Jared machte sich schon bereit zu flüchten, während der Ältere dessen Hasen nahm und ihn seufzend ausnahm. Er blieb ungerührt wo er war, selbst als die Flammen aus Rakos Nüstern leckten und die Wiese glimmen ließen. Mit einem lässigen Wurf schmieß er die beiden Hasen, die nunmehr nur noch Fleischstücke waren, hinter sich und betrachtete, wie sie gegrillt wurden. Ein weiteres Zungenschnalzen beendete das Spektakel. "Bedien dich. Also. Magie. Du warst vollkommen verkühlt und wärst fast gestorben. Ich habe dich hergebracht und Rako hat dich so lange abgeleckt, bis es dir wieder besser ging. Zum Glück für uns hat der Sturm nachgelassen, sonst wären wir alle erfroren. Aber ich fürchte, dass er bald wiederkommt. Siehst du die vielen Wolken da am Himmel? Hey, du hast da einen Käfer am Hasen." Angewidert zog Jared die Zunge zurück und schnippte die todesmutige Fliege vom gebratenen Fleisch, bevor er abbiss. Obwohl es nicht gewürzt war und irgendwie verbrannt schmeckte, war es mit Abstand das Coolste, was er jemals gegessen hatte. Drachenfeuergegrillter Hase! Wahnsinn! Und Vion konnte auch noch Magie wirken...er befand sich hier in einer ganz anderen Welt. Sprachlos nickte er einfach nur auf die Erklärung des Größeren hin und verschlang hungrig seinen Hasen und noch die Hälfte von Vions. Erst als seine Hose etwas spannte, lehnte er sich zurück und ließ die vielen Informationen über sich zusammenschlagen...
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