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 [Geschichte] Schicksalsdämmerung

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Grim
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BeitragThema: [Geschichte] Schicksalsdämmerung   So 27 Nov 2011, 20:46

Der Wagen rumpelte weiter, immer weiter die holprige Straße herab. Sie hatte diesen Namen kaum verdient. Eine ausgetretene Piste mit staubigen Grasbüscheln am Rand, aus der hier und dort grobe Ackersteine hervor schauten. Jedes mal, wenn eines der beiden Räder des Karrens über einen solchen fuhr tat es einen Schlag, der Damion, der hinten auf der Ladefläche saß, einen Stapel Vliese unter dem hintern und zwei Fässer mit unbekanntem Inhalt im Rücken, ordentlich durch rüttelte. Einmal, als der Schlag besonders unerwartet gekommen war hatte er sich auf die Zunge gebissen und sie fühlte sich noch immer ein wenig taub an. Nichtsdestotrotz war es allemal besser als zu Fuß zu gehen. Er konnte sich glücklich schätzen, dass er auf den Händler gestoßen war. Und der Händler schien ebenfalls glücklich darüber zu sein, auf Damion getroffen und diesen zum Mitkommen bewegt zu haben. Wobei Damion den Verdacht hegte, dass es weniger sein einnehmendes Äußeres gewesen war, das den Händler zu der Entscheidung, neben seinem Lager am Straßenrand anzuhalten und ihm den Platz auf der Ladefläche anzubieten, bewogen hatte. Vermutlich hätte er sich selbst im Moment nicht sonderlich anziehend gefunden. Das Haar hing ihm in fettigen Strähnen schwer in den Nacken und irgendwie kam es ihm so vor, als ob es dunkler wäre als er es gewohnt war. Nicht, dass er mit dem normalen Flachsblond zufrieden gewesen wäre. Auch seinem Bart sah man deutlich an, dass Damion in den letzten Wochen nicht allzu viel Gelegenheit gehabt hatte, ihn zu stutzen. Und wenn er ehrlich war: er roch inzwischen auch schon ziemlich streng. Nein, wenn man es recht bedachte, dann waren es wohl eher das Schwert an seinem Gürtel und der auf den Rücken gegurtete Schild gewesen, die Damion nach einem angenehmen oder zumindest wertvollen Reisebegleiter hatten aussehen lassen.
„Endlich! Ruchingen!", ließ sich der Händler in eben diesem Moment vom Kutschbock vorn vernehmen. In seiner Stimme lag unverkennbare Erleichterung. Freude, regelrecht. Ein Ausdruck, den Damion bisher noch nicht an ihm hatte beobachten dürfen. Die letzten zwei Tage, die sie zusammen gereist waren, war der Händler angespannt und wortkarg gewesen, häufig mürrisch und immer nervös. Er hatte schlecht geschlafen - Damion hatte beobachtet, wie er sich unruhig hin und her gewälzt und dabei leise gestöhnt hatte - und während der Reise durch das hügelige Land der Gondmark war sein Kopf stets hin und her geruckt. Einmal, als sie an dem nieder gebrannten Rasthaus vorbei gefahren waren, war er regelrecht panisch geworden. Er hatte den Ochsen angetrieben als wären die Schatten höchstselbst hinter ihnen her und dabei die ganze Zeit leise „Oh Göttin! Oh Göttin!" gemurmelt. Damion unterdessen war ruhig und stoisch geblieben und hatte nur mit mildem Interesse zu den verkohlten Ruinen hinüber geblickt. Nicht, dass ihn ein solcher Anblick kalt gelassen hätte. Aber die Gondmark war nunmal eine Grenzprovinz. Hier musste man mit Gewalt rechnen und man gewöhnte sich besser an sie. Es brachte ja nichts, sich in die Hosen zu machen. Da hatte man nichts davon. Unbegründete Angst hielt Damion für entschieden überbewertet. Der Händler hingegen schien da eine ganz andere Meinung zu vertreten.
Am Abend des ersten Tages ihrer gemeinsamen Reise hatte er Damion erzählt, was es war, dass ihn derart ängstigte. Bis dahin hatte Damion damit gerechnet, der Händler hätte Furcht vor Gnollüberfällen gehabt. Gegen Gnolle half es schon, ein oder zwei Bewaffnete dabei zu haben. Die Biester waren meistens zu feige um sich auf einen Kampf mit einem richtigen Gegner einzulassen, selbst wenn sie in der Überzahl waren. Doch wie er mit mildem Erstaunen erfuhr war es etwas ganz anderes, das dem Händler solche Sorgen bereitete: lebende Tote. Nun, auch das war eines der Risiken, wenn man sich auf den Straßen der Gondmark herum trieb. Untote gab es überall. Nun, natürlich nicht ganz überall. Aber überall da, wo irgendwer einmal gestorben war konnten sie auftauchen. Und wo war das nicht? Der Händler hatte sogar gewusst, woran das lag. Ein Magister Arcanis hatte es ihm, wie er damals erzählte, erklärt. Wenn die Magie, die das Land durchfloss, sich entlud und dabei zufälligerweise einen toten Körper traf, der in der Erde lag, dann konnte es geschehen, dass dieser erweckt wurde. Was hingegen weder der Händler noch der Magister Arcanis zu erklären wussten war, warum sich die Untoten in jüngster Zeit so merkwürdig verhielten. Sicher, aggressiv waren sie immer und wenn sie auf Lebende trafen, dann versuchten sie, diesen die Kehlen durchzuschneiden. Aber noch nie zuvor waren es so viel Untote gewesen, die das Land durchstreiften, nie zuvor waren sie derart aggressiv vorgegangen. Normalerweise hatten Untote keinen großen Radius. Sie blieben irgendwo da, wo ihre Erweckung statt gefunden hatte. Wo sollten sie auch schon hin? Aber diese neuen Untoten, so hatte der Händler glaubhaft versichert, würden sich ganz gezielt zusammen rotten und Überfälle auf Reisende, auf Gehöfte, ja, sogar auf ganze Siedlungen verüben. Und das war in der Tat Besorgnis erregend. Wobei Damion auch sein Gutes an der Sache fand. Wenn diese Untoten ein Problem darstellten, vielleicht konnte er dann irgendwo die schnelle Münze heraus schlagen. Im Grunde war es die Gelegenheit schlechthin für einen Glücksritter wie ihn. Wäre doch gelacht, wenn man da nicht ein bisschen Profit draus schlagen konnte...

Irgendwie konnte Damion verstehen, dass der Anblick des Dorfs Ruchingen den Händler so beruhigte. Während der Karren den sanften Abhang des Hügels hinab rumpelte hatte er genug Zeit, sich einen Eindruck von dem Dorf zu machen. Eine nicht weniger als drei Schritt hohe Palisade umgab den ganzen Ort und es waren nicht bloß die Grob zusammen gebundenen, angespitzten Pfähle, wie man sie allzu häufig sah. Diese Palisade war eine richtige Mauer, mit Wehrgang, Brustwehr und sogar einem Turm neben dem solide wirkenden Tor. Zeit und Witterung hatten das Holz der Palisade dunkel und grau werden lassen. Auch wenn Damion keine wirklichen Erfahrungen mit Belagerungen hatte war doch offensichtlich, dass es mehr als eine Sippe marodierender Gnolle brauchen würde um hier durch zu brechen. Von Trupps lebender Toter - so merkwürdig sie auch sein mochten - ganz zu schweigen.
Und das Dorf versprach mehr als nur Schutz. Es wirkte recht groß für eine Ortschaft in den Grenzgebieten der Gondmark. Die meisten Siedlungen hier waren nicht mehr als kleine Ansammlungen von Häusern, die sich um eine Schenke oder einen kleinen Marktplatz, wo die Bauern der umliegenden Gehöfte sich einmal in der Woche trafen, scharten. Ein paar Werkstätten kleiner Handwerker, das Haus eines Händlers samt Speicher, gelegentlich ein kleiner Schrein für die Schöpferin, wenn ein Fluss vorbei floss vielleicht noch ein Bootshaus, mehr war da nicht. Ruchingen hingegen dürfte, wie Damion grob überschlug als sie sich dem Tor näherten, nicht weniger als dreihundert Einwohner haben. Das versprach ein ordentliches Gasthaus mit gutem Bier, vielleicht auch ein Mädchen, dass ihm für ein paar Münzen die Nacht angenehmer machen würde. Und eine ganze Menge Händler! Damion mochte Händler. Niemand hörte so viel wie Händler und niemand war bereit so viel wie sie zu zahlen damit solchen Gerüchten nachgegangen wurde. Besonders hier in den Grenzprovinzen, die noch immer ein Hauch des Mysteriösen umgab. Und das war es schließlich, was Damion hier her gebracht hatte. Die Verheißung von schneller Münze.
Erst, als sie das hoch aufragende, zweiflüglige Tor erreichten viel sämtliche verbliebene Anspannung von dem Händler ab. Damion konnte es nicht erkennen da er hinten auf der Ladefläche saß, doch es musste sich wohl ein ziemlich seliges und im Zweifelsfall recht dümmlich wirkendes Grinsen in seinem Gesicht breit gemacht haben, jedenfalls dem skeptischen Blick nach zu urteilen, mit dem die beiden Bewaffneten, die am Tor Wache hielten, ihn musterten. Damion nahm sie hinter seinen Fässern hervor in Augenschein. Die beiden wirkten nicht so, als würden sie denn Wachdienst nur versehen, weil es sich so gehörte. Sie trugen Nietenlederharnische und Eisenhüte, dazu feste Handschuhe obwohl sie in diesen jetzt, im Frühherbst, sicherlich furchtbar schwitzen mussten. Sie wirkten wachsam und kampfbereit, wie es Männer häufig sind, die wissen, dass die Frage nicht lautet ob es zum Kampf kommt, sondern lediglich wann. Damion bemerkte, dass dem einen von ihnen unterhalb des Ellbogens der Arm fehlte. Er hielt sich im Hintergrund, ließ die gesunde Hand jedoch auf dem Knauf seines Schwerts ruhen. Der andere, der seine Hellebarde locker gegen die Schulter gelehnt trug, trat hingegen vor und hieß dem Karren mit gebieterischer Geste anzuhalten. Der Ochse schnaufte unwillig als der Händler an den Zügeln riss.
„Dein Name und dein Begehr, Händler!", verlangte der Wächter zu wissen während er langsam dem Ochsen in den Weg trat und so den Weg durch das offene Tür versperrte.
„Jomund Tolving, ich bin auf dem Weg nach Torrensburg und suche Quartier in Ruchingen bis die Straßen wieder sicherer sind", erwiderte der Händler, dem in seiner Erleichterung der raue Ton des Wachsoldaten überhaupt nichts auszumachen schien.
„Und was ist mit ihm?", fragte der Wächter und deutete mit der freien Linken auf Damion, der nach wie vor auf der Ladefläche des Karrens hockte.
„Ein Reisender, den ich unterwegs aufgelesen habe und der in die selbe Richtung unterwegs ist wie ich..."
„Mein Name ist Damion Thal, ich komme aus Hersfeld und bin auf der Suche nach Arbeit in der Gondmark unterwegs", übernahm Damion es, sich selbst vorzustellen. Welche Art von Arbeit er suchte hielt er nicht für notwendig zu erwähnen. Da sprach seine Ausrüstung bereits für sich.
Der Soldat musterte ihn sehr lang aus zu schmalen Schlitzen zusammen gekniffenen Augen. Kratzte sich nachdenklich an der stoppeligen Wange unter dem ledernen Riemen des Helms. Der musste fürchterlich auf der schweißnassen Haut scheuern, schoss es Damion durch den Kopf. Doch er gab sich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen und stattdessen einen möglichst harmlosen und unscheinbaren Eindruck zu machen. Das fiel ihm nicht allzu schwer in der staubigen Reisekleidung. Und nach einer Weile schien der Wächter zu dem selben Schluss zu kommen. Oder er hatte sich die Wange aufgekratzt. Jedenfalls nahm er die Hand aus dem Gesicht und winkte sie durch. „Nun gut. Ihr könnt passieren...", brummte er dabei.
„Ihr solltet euch auf einen längeren Aufenthalt einstellen", merkte der Einarmige an als der Ochse wieder antrabte, „Solange der Krieg im Norden anhält werden wir hier am Arsch der Welt keine Verstärkung erhalten. Und wir haben kaum genug Männer um die Sicherheit innerhalb dieser Mauern zu gewährleisten. Bis die Straßen wieder sicher sind wird es wohl noch eine Weile dauern..." Der Händler nickte, doch Damion, der nur seinen Hinterkopf sah, konnte nicht sagen ob ihm dies nun ungelegen kam oder im Grunde ganz recht war. Vielleicht würde er später mit ihm darüber reden können...

Der Händler schien sich in Ruchingen auszukennen, denn er lenkte den Karren zielstrebig in den Ort hinein, ohne irgendwo zu zögern oder sich zu erkundigen. Vielleicht sollte man aber anmerken, dass das nicht allzu schwierig war, denn wirklich viele Wege bot der Ort nicht wirklich, sollte man nicht vorhaben sich irgendwo durch die Gassen zwischen den Häusern zu quetschen, durch die das Fuhrwerk ohnehin nicht gepasst hätte. Die Hauptstraße selbst bot nicht allzu viele Abzweigungen. Damion nutzte die Zeit, die sie dieser folgten, um sich ein Bild von der Siedlung zu machen. Ruchingen gefiel ihm. Es hatte etwas natürliches mit seinen mit hellem Lehm verputzten Häusern und den tiefen, strohgedeckten Dächern. Wo man Holz hatte stehen lassen war es dunkel und grau wie die Palisaden und vermittelte den Eindruck, als solle es für die Ewigkeit bestehen. Die Menschen, denen sie begegneten, wirkten einfach und freundlich, mehr als einer zog den Hut als der Karren an ihm vorbei rumpelte und der Händler erwiderte stets den Gruß. Es war eine angenehme Abwechslung zu der Einsamkeit auf der Straße und den mürrischen Gesichtern der Wirte in den Rasthäusern, die auf Damion stets den Eindruck machten, als wäre es ihnen unrecht, Gäste zu haben.
Schließlich hielt das Fuhrwerk vor einem großen, zweistöckigen Haus mit Schindeldach an, das das Schild über der Tür als Gasthof auswies. Damion legte den Kopf in den Nacken und blickte zum verzierten Giebel hinauf während der Händler sich steifbeinig von seinem Kutschbock schwang, etwas ungelenk zu seinem Ochsen stakste und ein dünnes Seil durch die Ösen in dessen Halfter zog, mit dem er ihn an einer Stange neben der Tür festzurrte. Erst, als er sich vergewissert hatte, dass die knoten halten würden, kam er um den Wagen herum und zu Damion, der noch immer auf seinen Schafsfellen saß und die Beine von sich streckte. Auch wenn die Fahrt nicht unbedingt gemütlich gewesen war widerstrebte es ihm in diesem Moment zutiefst, wieder auf den eigenen Beinen stehen zu sollen.
„Ich werde mir hier ein Quartier für mich und den Ochsen suchen", erklärte der Händler, wobei in seiner Stimme noch immer die Erleichterung mitschwang, „Werdet ihr auf meinen Wagen aufpassen bis ich mich umgehört habe, wo ich ihn unterstellen kann, Herr Damion?"
„Natürlich, natürlich...", brummte Damion und konnte dabei nur knapp ein Gähnen unterdrücken. Ihm war es gerade recht, noch ein wenig auf den Vliesen sitzen bleiben zu können und die geschäftig vorbei gehenden Menschen zu beobachten.
„Ich werde euch selbstverständlich später hier noch ein Bier ausgeben", fuhr der Händler plappernd fort während er die Sicherung einiger Kisten überprüfte.
„Sollte nicht eher ich euch ein Bier ausgeben?", warf Damion fragend ein, „Immerhin habt ihr mich auf eurem Karren mitgenommen und mir den Fußmarsch erspart..."
„Aber ich bitte euch! Das ist doch nicht der Rede wert", fiel ihm der Händler sogleich abwiegelnd ins Wort, „Ihr könnt mir glauben, mir war wirklich viel wohler auf dem Weg, mit euch als Begleiter. Bei all diesen Gefahren, die derzeit auf den Straßen lauern kann man für einen Mann mit Schwert gar nicht dankbar genug sein. Es ist mir eine Ehre, euch einladen zu dürfen!"
„Na gut", lenkte Damion rasch ein und setzte ein schiefes Grinsen auf. Im Grunde war es im ja ganz recht so. Wer zahlte schon gern für sein Bier, wenn auch ein anderer das tun konnte? Und Damion war nun wirklich niemand, der es sich leisten konnte zu prassen. Er wusste nicht so genau warum, aber irgendwie waren in seinem Beutel immer nur gerade so viele Münzen, wie er brauchte um über die Runde zu kommen. Da kam es ihm gerade recht, wenn er sich heute ein paar davon sparen konnte. Und er wollte den Händler ja auch nicht beleidigen indem er dessen Angebot ausschlug.
„Ihr werdet also aufpassen bis ich wieder da bin?", vergewisserte der Mann sich noch einmal und schielte dabei besorgt zu den Fässern in Damions Rücken hinüber.
„Natürlich, macht euch keine Sorgen", erwiderte dieser noch immer grinsend.
„Nun gut. Ich bin bald wieder da."
„Hetzt euch nicht zu sehr. Ich habe Zeit", rief Damion dem Händler hinterher als dieser in der Tür des Gasthofs verschwand und sank noch ein wenig tiefer in die Felle. Mit der Linken fummelte er die Kapuze, die irgendwo in seinem Rücken hing, hervor, zog sie sich tief ins Gesicht und schloss die Augen. Wenn es nach ihm ging konnte der Händler sich ruhig ein wenig Zeit lassen...
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BeitragThema: Re: [Geschichte] Schicksalsdämmerung   Di 06 Dez 2011, 21:48

Der Händler hielt sein Versprechen trotzdem. Damion hätte gut darauf verzichten können. Er war gerade in einen halb wachen, halb dösenden Zustand gesunken, in dem er ganz bewusst auf die Geräusche des Dorfes gelauscht und diese in sich aufgenommen hatte, da erklang schon wieder das scharfe Knirschen von weichen Stiefeln auf grobem Sand ganz nahe beim Wagen. Ein wenig missmutig hob er ein Lid und spähte aus dem Schatten seiner Kapuze hervor. Wandte den Kopf langsam dem Geräusch zu, sodass er über die Seitenwand des Karrens sehen konnte und folgte mit dem Blick dem Hut des Händlers wie er den Wagen umrundete. Als er schließlich die Rückseite erreichte hatte Damion sich wieder in eine sitzende Position aufgerichtet, die Beine untergeschlagen, die Hände lose in den Schoß gelegt. Nur die Kapuze hatte er aufbehalten.
„Alles klar, Herr Damion. Der Wirt hat mir angeboten, den Wagen direkt in seinem Stall unterzustellen", erklärte der Händler sichtlich zufrieden und und plapperte, obwohl Damion keinerlei Regung zeigte, munter weiter, „Ich werde ihn direkt auf den Hinterhof fahren und dann wasche ich mir erstmal den Staub der Straße vom Leib. Habe mir direkt ein Zimmer geben lassen und auch für euch nachgefragt, Herr Damion. Der Wirt meint, er hat noch genug Räume frei um eine ganze Kompanie Wanderer unterzubringen. Scheint gerade nicht wirklich viel los zu sein auf den Straßen. Und bei der Göttin, ich kann es verstehen! Man muss ja wahnsinnig sein um sich bei all diesen Gefahren dort raus zu wagen... Sagt, habt ihr euch jetzt entschieden? Wollt ihr mit mir ein Bier trinken?"
Diese Frage kam so unvermittelt, dass Damion, der nur mit einem Ohr zugehört hatte, kurz zusammen zuckte. „Ich...", setzte er an, stockte und schüttelte dann langsam den Kopf, „Nein, ich denke, ich werde mich erst ein wenig hier im Ort umsehen. Ich will wissen, was das für ein Dorf ist und ob es sich lohnt, hier eine Weile zu bleiben..."
Für einen Augenblick sah der Händler tatsächlich geschockt aus. Erstarrte regelrecht. Und seine Augen wurden ganz groß. „Aber Herr Damion!", ereiferte er sich, „Ihr wollt doch nicht wieder raus in diese von Untoten und schlimmerem heimgesuchte Wildnis. Jetzt, wo wir endlich hinter sicheren Mauern sind. Hängt ihr denn so wenig an eurem Leben?"
Damion setzte unter seiner Kapuze ein dreckiges Grinsen auf. Er hatte geahnt, dass der Händler so reagieren würde. Obwohl seine Aussage ihn keinenfalls überrascht haben dürfte. Sie waren zwei Tage lang gemeinsam unterwegs gewesen. Zeit genug um festzustellen, aus welchem Holz Damion geschnitzt war. Er trug das Schwert nicht zur Zierde. Was dort draußen lauern mochte schreckte ihn nicht. Und er war nicht der Typ, der still an einem heimeligen Herd sitzen blieb. Zumal er gar nicht das Geld hatte, um es sich leisten zu können, sich einzuquartieren bis die Gefahr gebannt war. „Ich lasse mich schon nicht umbringen...", versicherte er, stemmte sich ein wenig hölzern in die Höhe, tat ein paar wackelige Schritte um die Ladung des Karrens herum und sprang dann hinab auf die staubige Straße. „Außerdem: wer sagt denn, dass es mir hier nicht vielleicht doch gefällt und ich eine Weile bleibe?" Er lachte auf und auch auf dem ungläubigen Gesicht des Händlers breitete sich wieder ein zaghaftes Lächeln aus.
„Ich werde heute vermutlich nicht mehr sonderlich weit aus dem Gasthaus fortgehen...", sagte der Händler wieder mit einer Spur Erleichterung in der Stimme, „Wenn ihr euch umgeschaut habt, dann kommt doch später noch vorbei und wir trinken ein Bier zusammen..."
„Mache ich", versprach Damion und klopfte dem Mann jovial auf die Schulter ehe er den Schild und sein Bündel fester zurrte und in den Gassen von Ruchingen verschwand. Die Trägheit, die ihn zuvor noch fest in ihrem Griff gehalten hatte, schwand mit jedem Schritt ein bisschen mehr und wich einem Gefühl der freudigen Erwartung. Zivilisation! Letztendlich war das doch das einzig Wahre. Damion war ein Kind des niederen Adels - wenn auch einer verarmten Familie - und als solches stets umgeben von anderen Menschen aufgewachsen. Und die Genüsse der Zivilisation begann man in der Wildnis doch rasch zu vermissen. Weiche Betten, schwerer Wein und frisches, warmes Brot. Ein dichtes Dach über dem Kopf. Ein Mädchen an der Seite. Ja, er würde zusehen, ob er in dieser Stadt nicht ein Mädchen fand. Irgendeine hübsche Dorfblume würde doch wohl Interesse an dem geheimnisvollen jungen Fremden finden. Das war einer der Vorteile, wenn man als Glücksritter durch die Lande zog. Bei den Frauen hatte man immer Glück...

Damions Wunsch ein Mädchen zu treffen ging schneller als erwartet in Erfüllung, wenn auch gänzlich anders als er sich das erhofft hatte. Gerade wollte er aus einer schmalen Gasse hinaus treten und in eine der breiteren Straßen biegen, da kam ihm jemand entgegen, der nicht weniger flott zu Fuß war als er selbst. Mit einem hastigen Ausweichschritt versuchte Damion einen Zusammenprall zu vermeiden, doch die Gasse, aus der er kam, war nun wirklich sehr schmal. Sein eigener Effet ließ ihn an die gegenüber liegende Wand prallen und die Kante des Schildes schnitt sich schmerzhaft in seinen Rücken. Er strauchelte, fing sich nur mit Mühe und brachte damit auch den anderen in die Verlegenheit, ausweichen zu müssen.
„Kannst du nicht aufpassen, du Trottel?", herrschte ihn eine Stimme von oben herab an und Damion, ohnehin schon ein wenig aus der Bahn geworfen, hatte bereits die Rechte zur Faust geballt um gebührend darauf zu antworten als ihm aufging, dass sein Gegenüber eine Frau war. Er hatte es im ersten Moment nicht erkannt, denn ihre Kleidung, bestehend aus schweren Stiefeln, Hose und Wams, war höchst ungewöhnlich für eine solche, ebenso wie die kurz geschnittenen Haare.
„Ist wohl nicht allein meine Schuld!", rechtfertigte er sich also stattdessen und öffnete die Faust wieder. Seine Stimme klar dabei weniger scharf als er das beabsichtigt hatte. Mehr beleidigt. Innerlich schalt er sich dafür, nicht den richtigen Ton getroffen zu haben. So klang das weitaus weniger nach ihm als es eigentlich sollte. Doch da es nun ohnehin schon heraus war nahm er sich nun die Zeit, die Frau genauer zu mustern. Sie war wohl eher als herbe Schönheit zu bezeichnen und das lag nicht allein an den beiden toten Füchsen, die von ihrem Gürtel baumelten und dem Kurzbogen auf ihrem Rücken. Ihr Kinn war etwas zu markant, die Nase etwas zu kräftig. Mit dem kupfernen Haar, das kaum bis zu den Ohren reichte und zudem noch überwiegend unter einer ledernen Kappe steckte hätte sie tatsächlich als Junge durchgehen können, zumal sie recht schlacksige, wenig weibliche Formen zeigte. Einzig ihre Augen waren unzweifelhaft weiblich. Eigentlich ganz hübsche Augen, wie Damion feststellte als ihre Blicke sich zufällig streiften. Auch sie schien ihn zu mustern.
„Du bist nicht von hier, oder?", stellte sie spröde fest.
„Sieht man es mir denn so sehr an?", hielt er dagegen und gab sich keinerlei Mühe zu verbergen, dass es ihm gerade schwer fiel, Sympathien für sie zu entwickeln. Sie hatte eine selbstsichere, fast schon an Arroganz grenzende Art, die ihm zutiefst gegen den Strich ging. Blieb nur zu hoffen, dass nicht alle jungen Frauen in diesem Dorf so kratzbürstig waren. Sonst würde er es hier wirklich nicht lange aushalten, ganz gleich was er dem Händler zugesichert hatte. So hatte er sich das ganz sicher nicht vorgestellt...
„Du siehst aus als kommst du direkt von der Straße und es gibt nicht mehr viele Leute in Ruchingen, die sich noch weiter als nötig aus der Siedlung wagen.", erklärte sie ihm, „Aber wenn ich mir dich so anschaue würde ich sagen, du kannst auch dich selbst aufpassen." Sie deutete auf das Schwert an seinem Gürtel. Und obwohl Damion im Grunde klar war, was sie meinte folgte sein Blick ihrem Finger. Manchmal - das musste er sich wohl oder übel eingestehen - war er nicht gerade der Schnellste.
„Kann ich", bestätigte er und kam sich dabei unglaublich lahm vor, „Ich verdiene mein Geld mit der Klinge..."
„So?" Sie zog eine Augenbraue hoch. Eine Geste, die bei ihr ungemein provokant wirkte. „Wie ein Soldat siehst du aber nicht aus. Was bist du dann? Ein Kopfgeldjäger, ein Glücksritter?" Sie gab einen kurzen Ton von sich, der irgendwo zwischen einem Lachen und einem verächtlichen Schnauben lag, doch noch ehe er es einordnen konnte fuhr sie fort. „Wie auch immer. Wenn du wieder da raus gehst und Ausrüstung brauchst, dann schau doch bei mir vorbei." Diesmal lächelte sie, sodass Damion sich ziemlich sicher sein konnte, dass das Geräusch, das sie von sich gab ehe sie sich abdrehte und in der kleinen Gasse, aus der er gekommen war, verschwand, ein Lachen war. Oder zumindest etwas, das freundlich gemeint war. Was jedoch nichts daran änderte, dass er sich fest vornahm, sich seinen Proviant und seine Ausrüstung falls es eine Alternative geben sollte nicht bei der Rothaarigen zu besorgen.

Seinem Bedürfnis, hier ein Mädchen zu finden, hatte der Zusammenstoß einen empfindlichen Dämpfer verpasst und so entschied Damion sich, lieber nach dem anderen zu suchen, für das er eine Schwäche hatte: Gold. Schnelles Gold. Denn letztendlich war es das, was ihn hierher verschlagen hatte. Das, was jeden Glücksritter antrieb. Er war ganz zuversichtlich, dass er in diesem in Furcht lebenden Dorf irgendwo eine Arbeit fand, bei der er wenig tun und zugleich eine ansehnliche Menge Münzen einsacken konnte. Er würde sich nur umhören müssen. Und damit fing er am Besten dort an, wo alle Informationsstränge jeden Dorfs zusammen liefen: auf dem Markt. Es gab Dinge, auf die man immer zählen konnten und dass Händler und Wirte die besten und meisten Neuigkeiten auf Lager hatten gehörte glücklicherweise zu diesen. Ebenso gehörte dazu, dass man Wirtshäuser und Märkte selbst dann nicht verfehlen konnte, wenn man durch eine vollkommen fremde Stadt irrte. Ihnen haftete diese unverkennbare Ausstrahlung an, der Klang von erregten Stimmen, das Knistern in der Luft, das sich überall dort bemerkbar macht, wo viele Menschen aufeinander stoßen. Damion musste nur seinem Gefühl und dem Lauf der staubigen Hauptstraße folgen. Bald schon schwoll der Lärm an und die Häuser wichen respektvoll zur Seite um einem weiten, grob gepflasterten Forum Platz zu machen. Ein gutes Dutzend kleinerer und größerer Stände sammelte sich darauf und vielleicht dreimal so viele Besucher schritten mit kritischen Mienen langsam von einem zum anderen oder waren in erhitzte Diskussionen mit den Händlern vertieft. Ganz seinem Gefühl nach hielt Damion sich eher am Rand und inspizierte die kleineren, weniger gut besuchten Stände. Einer der Händler, dessen Bude halb im Schatten einer mächtigen Ulme verschwand, stach ihm ins Auge. Seine Kleidung war besser als die der meisten anderen und seine Ware - Stoffe, Eisenwaren eine ganze Menge kleiner Dinge, die nicht wirkten als wären sie in einer kleinen Dorfwerkstatt gefertigt - verriet Damion, dass er niemand war, der bloß die Erzeugnisse der Bauern der Umgebung aufkaufte. Dieser Mann war kein Krämer, er war ein richtiger Kaufmann. Das war gut!
Ohne jede Hast näherte er sich dem Stand und streifte die Kapuze zurück. Der Kaufmann sollte sehen, dass er Interesse an ihm hatte. Für ein paar Augenblicke ließ er der Form halber den Blick über die Auslage des Händlers schweifen, rieb den Saum einer Rolle Stoff zwischen den Fingern. Dann blickte er ruckartig auf und wandte sich dem Händler zu.
„Was gibt es neues in der Gegend?", fragte er beiläufig.
Der Kaufmann ließ eine Weile lang seine Augen auf Damion ruhen und dieser war sich ziemlich sicher, dass der Mann gerade überlegte, wie er ihn anzusprechen hatte. Wie hoch gestellt der Unbekannte wohl sein mochte. Er entschied sich schließlich zur Sicherheit für das 'Ihr'. „Ihr seht mir so aus, als sollte vielmehr ich euch fragen, was dort draußen los ist...", entgegnete er knurrig. Offenbar hatte er Damions geheucheltes Interesse sofort durchschaut. Doch aufgeben schien er deshalb noch lange nicht zu wollen. „Was kann ich euch anbieten, Reisender? Ich mach euch einen guten Preis..."
„Informationen!", blieb auch Damion unbeirrt und ließ sich nicht auf die Bemühungen des Kaufmanns ein, „Ich komme nicht aus dem Umland, ich bin schon länger unterwegs. Seit Hersfeld bin ich auf der Straße. Und suche irgendwen, der hier einen Mann braucht, der mit einer Klinge umgehen kann..." Er legte die Hand auf den Knauf seines Schwerts und tippte mit zwei Fingern gegen die Scheide.
„Ach, so einer seid ihr?" Der Kaufmann klang skeptisch, aber da war auch eine Spur Hohn in seiner Stimme zu hören. Und eine Prise Geringschätzung. Hätte Damion raten müssen, er hätte angenommen, der Kaufmann dachte über Abenteurer in exakt der gleichen Weise wie auch sein Freund, der Händler es tat. Hielt sie für bemitleidenswerte Trottel. Doch er würde den Spott einfach an sich abprallen lassen. Irgendwie hatte er es im Gespür, dass dieser Mann ihm noch nützlich sein konnte.
„Ich bin Damion Thal", stellte er sich vor, „Ich bin eine reisende Klinge. Und ja, ich habe keine Angst vor dem, was sich außerhalb eurer Palisade herum treibt, wenn ihr das meint. Habe davon gehört, dass es hier schlimm mit den Untoten geworden sein soll. Und deshalb dachte ich, man könnte mich hier vielleicht brauchen..."
Wieder nahm der Händler sich Zeit, schätzte Damion mit einem zweiten Blick ab. Ganz als ob er sich fragte, ob der junge Mann wohl brauchbar war. Fast rechnete Damion schon damit, dass sein geradezu sprichwörtliches Glück mal einmal zuschlug und der Kaufmann ihm ein Angebot unterbreiten würde. Doch dann lehnte dieser sich wieder zurück und schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Ich fürchte, ihr fragt den falschen Mann nach Arbeit...", erklärte er schließlich, „Es gibt nicht mehr viele Leute in Ruchingen, die sich noch raus wagen. Am besten, ihr fragt bei Tannart nach, ob es irgendetwas da draußen gibt, das noch getan werden muss. Er ist der Hauptmann der Königlichen Garde hier. Also sind die Untoten wohl in erster Linie sein Problem. Und so wenige Männer wie sie ihm gelassen haben wird er euch vermutlich gleich rekrutieren wollen..." Kurz lachte der Kaufmann auf. „Oder ihr fragt Shuri, die Jägerin. Die ist genauso furchtlos. Geht auch noch immer aus dem Dorf als wäre da draußen nichts los..." Er kratzte sich unter dem Kinn, starrte für einen Moment ins Leere. Dann zuckte er mit einem mal zusammen und schlug sich vor die Stirn. „Ich hab's. Ihr solltet den alten Joht suchen. Der ist zwar ziemlich bekloppt und säuft sich das Hirn weg, aber der hat einen Angriff der Untoten überlebt. Sagt er zumindest. Haben seinen Hof überrannt, hat er erzählt. Wenn jemand jemanden wie euch brauchen kann, dann sicher er. Solltet ihn im Wirtshaus finden können. Und falls ihr noch irgendwas braucht bevor ihr da raus geht, dann denkt daran, dass es der gute Horem Gollig war, der euch den Tipp gegeben hat..."
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