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 Ist nicht betitelt - und wird wohl auch so bleiben.

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Alison Wonderland

Alison Wonderland

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Ist nicht betitelt - und wird wohl auch so bleiben. Empty
BeitragThema: Ist nicht betitelt - und wird wohl auch so bleiben.   Ist nicht betitelt - und wird wohl auch so bleiben. EmptyMo 09 Dez 2013, 11:58

Wehmütig griff sie nach ihrem Glas und trank. Das Wasser war noch kalt und lief ihren Hals herunter. Mit geschlossenen Augen genoss sie für einen weiteren Moment die Stille, bevor sie das Getränk wieder abstellte und sich erhob. Es war Dienstag, sagten sie. Doch wen interessierte das schon? Sie wollte nicht wieder in die Sitzung, die ihr ohnehin nichts bringen würde. All diese kaputten Menschen zu sehen, machte sie nur wütend. Bevor sie sich anzog und ging, ließ sie noch die Pillen in der Blumenerde verschwinden, zog sich ihre Hausschuhe an und verließ das Zimmer. Ihre "Mitbewohnerin" war bereits gegangen. Wie immer hatte sie das Bett nicht gemacht, wie immer würde es Ärger geben. Sie warf die Tagesdecke über ihr eigenes Bett, um anschließend aus der Tür zu gehen und durch die langen Korridore zu schlendern. Unterwegs lief ihr Dr. Möchtegern entgegen und sah sie an. "Sie sind spät dran.", sagte sie sanft. "Ist alles in Ordnung?".

Es war eben so beschissen wie immer. Ohne aufzublicken nickte sie. Das musste als Antwort genügen. Sie ließ die Psychologin vorgehen und folgte ihr mit einem geringen Abstand, um weitere Gespräche zu vermeiden. Im Gruppenraum setzte sich die junge Frau auf ihren üblichen Platz. Neben ihr Gregor, er hatte manische Depressionen. Auf der anderen Seite Lukasz, der freundliche Dealer von nebenan. Hätte er den Großteil seines Stoffes nicht selbst konsumiert, wäre er wohl nicht hier. Von Paranoia getrieben glubschte er sie aus seinen Fischaugen an. "Ach, du bist es.", nuschelte er vor sich hin, als wäre er überrascht. Als wüsste er nicht, dass sie immer dort saß. Als kenne er sie nicht. Dabei waren sie schon einige Zeit hier und verbrachten auch etwas Freizeit zusammen, wenn auch eher nur zum Schein. Schließlich wollte sie nichts mit diesen Leuten zu tun haben, eben so wenig wie sie mit ihr. Wieder nickte sie bloß. Ihre Hände im Schoß gefaltet schaute sie zur Psychologin, die ihre besten Tage längst hinter sich hatte und wartete. Wartete darauf, dass sich ihre Lippen rührten. "Wie wäre es, wenn Sie heute beginnen?", sagte sie. Die Gestik zeigte in Richtung des jungen Mädchens, das sich widerwillig erhob und wieder wartete. Auf Fragen. Auf Anweisungen. Irgendetwas.

"Sie sind eine der wenigen, die sich bislang nicht mitgeteilt haben. Weshalb sind sie hier?", fragte die selbsternannte Expertin. "Ich bin hier, weil ich hier sein muss.", die Antwort stimmte. Sie hatte nie darum gebeten, dort sein zu dürfen, auch wenn ihre Beine eine andere Sprache sprachen. Reflexartig griffen ihre Hände nach der Hose und zogen sie an den Oberschenkeln zusammen. Sie war nervös. Sie war ängstlich. Schließlich wollte sie weg. Wenn sie sich so weiter verhalten würde, würde man sie nicht gehen lassen. Nicht so bald. Drei Monate hatten sie gesagt. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Die Woche hatte sich hingezogen, wie ein Monat. "Weshalb müssen Sie hier sein?", die Frage riss sie aus ihren Gedanken. "Ich... Ich bin ein Borderliner.", sagte sie mit leicht zittriger Stimme. Es fiel ihr nicht leicht, darüber zu reden. Ihr Kopf begann zu pochen und die Luft blieb weg. Es war zu viel Belastung für das junge Ding. Wieso hier? Ausgerechnet hier? "Was bedeutet das? Ich kann nicht davon ausgehen, dass die Anderen diese Krankheit kennen.", fragte die Psychologin weiter. Unbeirrt. Als hätte sie die Reaktion des Mädchens nicht bemerkt. "Das... Das ist eine Persönlichkeitsstörung.", erst stotterte die, dann überschlugen sich die Worte. "Ich habe mir einige Verletzungen zugefügt, weil ich frei sein wollte.", setzte sie nach, dieses Mal mit fester Stimme. "Wieso haben sie das getan? Ich möchte, dass Sie verstehen, dass sie krank sind.". "Ich bin nicht krank. Mir fehlt lediglich die Lust zu leben.", jetzt wurde sie wütend, ballte ihre Hände zu Fäusten und funkelte Dr. Möchtegern an. Dann atmete sie mehrmals tief durch und ließ sich zurück auf ihren Stuhl sinken. Gregor griff nach ihrer Hand, um sie zu beruhigen. "Ich möchte nichts weiter dazu sagen.", flüsterte sie und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Ihre Stimme zitterte. Sie hatte sich nicht mehr im Griff. Nachdem sie Gregor einen dankbaren Blick zugeworfen hatte, lauschte sie weiter den Lämmern, die nach ihr dran waren.

Nach Sitzungsende verließ sie als erste den Raum. Es war zeit fürs Frühstück. Endlich etwas Ruhe, endlich etwas Frieden. Auf dem trockenen Brötchen herumkauend blickte sie sich um. Nichts von alldem würde sie vermissen. Bald würde die Besuchszeit beginnen. Alle sprachen aufgeregt davon, doch sie interessierte es nicht. Es gab ohnehin nur einen einzigen Menschen, der sie besuchen kam und das lediglich alle zwei Wochen. Er war letzte Woche da und hat ihr Kraft geschenkt. Hat sie in den Arm genommen und ihr gesagt, dass sie durchhalten müsse, um dort rauszukommen. Hatte ihr einige Schachteln Zigaretten auf den Tisch gelegt und einige Pillen, die sie über die Zeit gesammelt hatte, mitgenommen, um sie zu entsorgen. Wenigstens einer, der auf ihrer Seite stand und sie nicht alleine ließ. Es fiel ihr schwer, sich ein Leben ohne seinen Zuhalt vorzustellen. Das war das einzige Mal in der ganzen Zeit, dass sie gelächelt hatte. Alles was sie ihm geben konnte, wahr ein ehrliches Lächeln.

Nach dem Frühstück machte sie sich auf den Weg zum Sport. Hier sollte sie lernen, sich selbst zu Kontrollieren und anderweitig zu entladen. Doch es kümmerte sie alles nicht. Sie hasste Sport. Bewegung. Menschen. Und vor allem sich selbst. Die Sporthalle war relativ klein gehalten und ziemlich abgenutzt. Wie so ziemlich alles andere hier. Ein kleiner Hoffnungsschimmer huschte über ihr Gesicht, als sie die Badmintonschläger sah. Endlich mal was anderes, als das ewige Laufen. Sie griff sich einen Schläger und einen Federball und suchte sich ein Feld. Hoffentlich würde kein Quatschkopf kommen, um gegen sie zu spielen. Davon gab es leider Gottes genug hier. Doch es war kein Quatschkopf. Es war Gregor, der ihr ein sanftes Lächeln schenkte. Sie nickte stumm und schlug auf. Der Ball hielt sich lange in der Luft, bevor er zu Boden ging. Sie atmete schwer und ihr Arm schmerzte. Gregor dürfte es nicht anders gehen. Sie ließ den Schläger sinken und fing den Federball mit den Händen auf, bevor sie sich auf den Boden setzte, um sich auszuruhen.


Da wird wohl nichts mehr kommen.
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